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Schulstart : Schulmaterialien: Bis zu 500 Euro pro Kind

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stifte, Hefte, Schulranzen: Die Einkaufsliste zu Beginn des Schuljahres wächst und wächst – oft über die finanziellen Mittel der Eltern hinaus. Der Kinderschutzbund schlägt Alarm.

Kiel | Stifte, Hefte, Bücher: Je näher das Ende der Sommerferien rückt, desto länger wird der Einkaufszettel von Nicole Mohr. Besonders am Anfang eines Schuljahres brauchen ihre sechs Kinder zwischen neun und 17 Jahren neue Arbeitsmaterialien. „Mindestens 800 Euro zahle ich allein zu Schuljahresbeginn“, sagt sie. „Und es wird von Jahr zu Jahr mehr.“

Hier 30 Euro für einen Atlas, da 20 Euro für die Klassenkasse – da komme einiges zusammen. „150 bis 200 Euro zahle ich je nach Klassenstufe pro Kind und Schuljahr“, sagt die Hausfrau, die mit ihrer Familie gerade in den Kreis Segeberg gezogen ist. Dabei gilt in Schleswig-Holstein eigentlich die Lernmittelfreiheit. Die besagt, dass zum Beispiel Schulbücher und Gegenstände, die ausschließlich im Unterricht genutzt werden, kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Dennoch zahlen Eltern in Schleswig-Holstein zwischen 160 und 500 Euro pro Jahr für Hefte, Sportschuhe oder Klassenreisen. Das ergeben zumindest die nicht-repräsentativen Erhebungen des Kinderschutzbundes. Regelmäßig lässt der sich von Eltern auflisten, welche Kosten für ihre Kinder durch die Schule anfallen. „Damit wollen wir sowohl den Rahmen der Kosten feststellen, aber auch herausfinden, wofür das Geld ausgegeben wird“, erklärt Ingo Loeding, stellvertretender Landesvorsitzender und Geschäftsführer im Kreisverband Stormarn. 70 unterschiedliche Posten haben er und seine Kollegen mittlerweile gezählt – vom Taschenrechner über Hausschuhe bis hin zum Schulfotografen. „Außerdem sind die Kosten für Kopien enorm gestiegen“, betont er. Bis zu 30 Euro fallen zum Teil pro Schuljahr an. „Das hat es früher gar nicht gegeben.“

Auch Nicole Mohr kritisiert, dass einige Kosten schlicht unnötig seien. „Früher haben wir Aufgaben noch aus Mathebüchern oder von der Tafel abgeschrieben – heute arbeitet jedes Kind mit einem eigenen Arbeitsheft.“ Manchmal weigert sie sich darum, den Anforderungen der Schule zu folgen. Vor allem, wenn Markenprodukte gefordert werden: „Es muss doch nicht der Tuschkasten von Pelikan sein – ich kaufe einfach einen günstigen beim Discounter.“

Immerhin bekommt Familie Mohr staatliche Unterstützung durch das „Bildungs- und Teilhabepaket“ (BuT). Mit der 2011 eingeführten Förderung soll Kindern und Jugendlichen die Teilnahme an Ausflügen, Sport- und Freizeitaktivitäten ermöglicht werden. Darüber hinaus beinhaltet es aber auch das sogenannte Schulbedarfspaket: Mit 70 Euro im ersten, sowie 30 Euro im zweiten Schulhalbjahr sollen Anschaffungen für die Schule erleichtert werden. Anspruch darauf haben Familien, die Leistungen wie zum Beispiel Wohngeld, Kinderzuschlag oder Sozialhilfe beziehen.

Doch bislang nehmen nicht alle leistungsberechtigten Familien die Förderung in Anspruch. So wurden im Startjahr 2011 laut Auskünften des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums nur für 25 bis 30 Prozent der etwa 115.000 leistungsberechtigten Kinder entsprechende Anträge auf Leistungen für Bildung und Teilhabe gestellt. Im März 2012 seien es bereits 60 Prozent gewesen – mit steigender Tendenz. Dem Wirtschaftsministerium zufolge habe sich die Situation seit Einführung des BuT „erheblich verbessert“.

Kritik gibt es dennoch – unter anderem vom deutschen Kinderschutzbund. „100 Euro pro Schuljahr reichen einfach nicht aus“, sagt Ingo Loeding. Zwar können die Kosten für Klassenreisen oder Ausflüge separat eingereicht werden, aber vor allem Familien, deren Einkommen nur knapp über der leistungsberechtigten Grenze liegt und bei denen darum kein Anspruch auf das BuT besteht, könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn pro Kind und Schuljahr eine Klassenreise für mehrere Hundert Euro bezahlt werden muss. Das bestätigt die Erfahrung von Ingo Loeding: Was für den Schulausflug in den Zirkus ausgegeben wird, werde in einer geringverdienenden Familie nicht selten vom Haushaltsgeld für Lebensmittel oder Kleidung abgezogen.

Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Lebensumstände der Familie, weiß Thomas Bliesener, Professor für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie an der Universität Kiel: „Löst eine Bitte um Geld für die Schule immer wieder Stresssituationen aus, geraten Kinder in einen Konflikt zwischen den Anforderungen der Schule und der Solidarität ihren Eltern gegenüber.“ Auch Scham spiele in diesem Zusammenhang eine Rolle, die negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Lernmotivation haben kann.

Thomas Schunck vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft betont darum: „Die Chancengleichheit im Bildungsbereich darf nicht dadurch gefährdet werden, dass Schulen zu hohe Anschaffungen zu Schuljahresbeginn erwarten.“ Die Verantwortung dafür liege jedoch nicht beim Ministerium: „Es ist Aufgabe von Schulleiterinnen und -leitern sowie der Schulkonferenzen dafür Sorge zu tragen, dass die Kosten für Anschaffungen, die über die freien Lernmittel hinausgehen, sich in einem vertretbaren Rahmen bewegen und nicht zu einer finanziellen Überforderung der Eltern führen.“

Das fordert auch der Kinderschutzbund, denn betroffen seien nicht nur Geringverdiener, sondern Loeding zufolge bis zu einem Drittel aller Schulkinder in Schleswig-Holstein. „Es handelt sich um ein großes gesellschaftliches Phänomen, das enorme Auswirkungen auf Bildungschancen, Ernährung und Lebensumstände hat.“ Die Zuzahlung dürfe den Maximalbetrag von 100 Euro pro Schuljahr darum nicht überschreiten.

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erstellt am 10.Aug.2014 | 12:50 Uhr

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