Schulen drohen mit der Keule des Gesetzes

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07. Januar 2013, 01:14 Uhr

Kiel | Nicht nur das Kieler Bildungsministerium tappt im Dunkeln. Genaue Zahlen, wie viele Kinder die Schule schwänzen, gibt es weder in Schleswig-Holstein noch in anderen Bundesländern. Nach Schätzungen des deutschen Lehrerverbandes sind es bundesweit etwa 200 000. Vermutet wird aber eine hohe Dunkelziffer, weil Eltern in vielen Fällen das unentschuldigte Fehlen ihrer Kinder decken. "Wir wissen, dass viele Schulschwänzerkarrieren mit langen entschuldigten Fehlzeiten beginnen", bestätigt Pinnebergs Schulrat Dirk Janssen diese Vermutung.

Licht ins Dunkel brachte zuletzt eine Umfrage im Norden. Danach kämpfen alle Schularten mit dem "Schulabsentismus" - dem längeren Fernbleiben vom Unterricht - besonders aber die Förderschulen. Dafür hat Janssen auch eine Erklärung: "Die Kinder kommen oft aus hochbelasteten Familien." 20 Prozent der Förderschüler und 13 Prozent der Hauptschüler hatten übermäßig viele Fehltage. Bei der Umfrage räumte auch jeder fünfte Schulleiter ein: "Wir haben ein Problem" - und das besteht offenbar auch an Regional- und Gemeinschaftsschulen sowie an Gymnasien. Lübecks Schulrat Gustaf Dreier, der regelmäßig nach den Halbjahreszeugnissen im Februar die Fehltage statistisch erfasst und inzwischen ein Netz von Unterstützungsmaßnahmen für Schwänzer aufgebaut hat, berichtet: "Bei uns melden sich auch Gymnasien, die an Projekten gegen den Absentismus mitmachen wollen."

Wie wichtig dieser Kampf gegen die vielen Fehltage ist, fasst die bundesweit einmalige und viel beachtete Studie des Rates für Kriminalitätsverhütung in Schleswig-Holstein so zusammen: Schulabsentismus habe es auch früher gegeben, doch die Konsequenzen seien heute gravierender. Ohne Schulabschluss gebe es kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Weil den Kommunen das Problem also später auf die eigenen Füße fällt, haben sie landesweit Anstrengungen unternommen, um die Schwänzer wieder auf die Schulbank zurückzuholen. So wird in Lübeck eine Intensivmaßnahme mit "nachhaltig fehlenden" Jungen arrangiert. Lehrkräften und Sozialarbeitern sollen diese wieder schulreif machen. "Die acht Plätze sind ausgebucht", berichtet Dreier. "Ein ähnliche Projekt wollen wir für Mädchen starten." Die stehen den Jungen in Sachen Schwänzen nämlich nicht nach.

Nicht nur wegen der Arbeitsplatzprobleme hängen die Schulen das Thema Schwänzen inzwischen ganz hoch. Auch weil viele Untersuchungen belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Schulverweigerung und Abdriften ins kriminelle Milieu gibt. Viele Klassen sind dazu übergegangen, bereits am ersten Fehltag einen Anruf der Eltern einzufordern. Und wenn nötig, wird auch mit der Keule des Gesetzes gedroht. Schwänzen ist eine Ordnungswidrigkeit. "Schon die Androhung eines Bußgeldes hilft in 50 Prozent der Fälle, dass die Eltern wieder für einen regelmäßigen Schulbesuch sorgen", berichtet Dithmarschens Schulrätin Angelika Sing.

Ergänzen müsse man diese Strafandrohung aber durch das Angebot von Erziehungshilfen. Denn: "Schulabsentismus hängt ursächlich mit Erziehungsproblemen im Elternhaus zusammen, in dem immer weniger Wert auf konsequente Regelvermittlung gelegt wird und in dem immer jüngere Kinder auffällig werden", so die Erfahrung der Schulrätin. Deshalb haben sich die Schulen in Dithmarschen auf die Fahnen geschrieben, schnell zu reagieren, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Und wenn der Verdacht besteht, dass Eltern mit vorgeschobenen Entschuldigungsschreiben ihre Kinder vom Unterricht fernhalten, wird schon mal der Amtsarzt bemüht oder ein Attest überprüft.

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