Zwischen Zweifel und Zwegat : Schulden: Der schwere Weg zur Beratungsstelle

Einige verdrängen ihr Schuldenproblem, wollen sich und anderen nicht eingestehen, dass sie den Überblick über die Finanzsituation verloren haben.
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Einige verdrängen ihr Schuldenproblem, wollen sich und anderen nicht eingestehen, dass sie den Überblick über die Finanzsituation verloren haben.

Für viele Schuldner ist es nicht einfach, sich Hilfe zu suchen. Dabei können manche nur mithilfe von Beratung ihre Finanzsituation entwirren.

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23. Juni 2014, 18:37 Uhr

Flensburg | Gerade bei jüngeren Leuten fängt es mit kleinen Problemchen an. Die jüngsten „Kunden“ bei der Schuldnerberatung der Stadt Flensburg sind erst 18 Jahre alt, erklärt Berater Gert Koll. Häufig übersteige der Handyvertrag ein wenig die eigenen Mittel. Der neue Fernseher wird auf Pump gekauft – und ein Kinobesuch muss doch immer noch drin sein. Hinzu kommen Musik-Downloads und neue Apps. Schwierig ist dabei, dass die Käufe nicht immer bedeuten, dass Bargeld über eine Ladentheke geht. In manchen Apps lauern versteckte Kostenfallen, sogenannte In-App-Käufe können dort getätigt werden – beispielsweise, um in einem Spiel Punkte zu machen. Es gab sogar Kinder, deren Ausgaben für das virtuelle Aquarium in die Tausende gingen.

Wer den Eindruck hat, dass die monatlichen Ausgaben die Einnahmen regelmäßig übersteigen, sollte sich so früh wie möglich mit dem Thema Haushalten beschäftigen. Schulen können Jugendliche mit Tipps unterstützen – es gibt sogar Forderungen, Verbraucherkunde fest im Unterricht zu integrieren. Auch Eltern sollten spätestens mit dem ersten Taschengeld das Thema ansprechen. Wenn erste Schwierigkeiten auftreten, hilft auch die Schuldnerberatung weiter: Die Berater erklären, wie man ein Haushaltsbuch führt und Einnahmen und Ausgaben im Blick behält.

Viele Menschen, die zur Schuldnerberatung kommen, können ihre Probleme aber kaum mit einem Haushaltsbuch entwirren. Die Briefe liegen schon länger ungeöffnet in einer Schublade. Die Schulden bei verschiedenen Gläubigern häufen sich schon seit Monaten, manchmal seit Jahren. „Es gibt Menschen, die stecken den Kopf in den Sand“, erklärt Berater Gert Koll. Einige verdrängen das Problem schlicht, wollen sich und anderen nicht eingestehen, dass sie den Überblick über die Finanzsituation verloren haben.

Es gibt auch Schuldner, deren Probleme die ums monatliche Budget überlagern, beispielsweise, wenn ein Partner gestorben ist oder eine schwere Krankheit den Arbeitsplatz gekostet hat. Bei alleinerziehenden Müttern ist oft die Haushalts-Situation kompliziert, da sich verschiedene Zahlungen wie Unterhaltskosten oder Kindergeld auf den Monat verteilen und damit auch die Möglichkeiten, welche Ausgaben wann gemacht werden können. „Es gibt viele Faktoren, die die Menschen überfordern. Oft sorgen sie auch für psychische Hürden“, sagt Koll. „Einige kamen erst nach zehn oder 15 Jahren zu uns.“ Doch auch dann sei es nicht zu spät.

Oft kommen Schuldner nach einer Empfehlung von Freunden zu ihm. Aktiv auf die Menschen zugehen, können die Schuldnerberatungen aber nicht. „Wir können die Mengen und Massen so schon kaum bewältigen“, sagt Koll. So bleiben viele Menschen alleingelassen mit ihren Problemen. Denn das soziale Umfeld hat häufig selbst an Problemen zu knabbern – oder bekommt die schwere der Situation gar nicht erst mit. Es gibt Schuldner, die um ihre Finanzen – bewusst oder unbewusst – einen Bogen machen und sich nach außen liquide geben. Daher sei es besonders wichtig, dass die Schuldner ehrlich zu sich selbst seien und eigenen Antrieb finden, nach Hilfe zu suchen.

Im Jahr 2013 wurden von der städtischen Schuldnerberatungsstelle in Flensburg knapp 1000 Personen beraten. Davon wurden rund die Hälfte als „Bestandsfälle“ aufgenommen. Gut 100 stellten einen Antrag auf Privatinsolvenz.

Besonders als im Fernsehen mit Peter Zwegat das Thema Schulden sehr präsent war, suchten viele nach Hilfe. „Man muss sich das aber anders vorstellen als im Fernsehen“, sagt Koll. Der Weg sei nicht leicht. „Viele erwarten, dass sie schon nach zwei Monaten schuldenfrei sind. Aber das geht oft nicht.“ Bei Zwegat war das Problem meist am Ende der Sendung gelöst. In Wirklichkeit arbeiten viele Menschen mehrere Jahre an ihrem Schuldenabbau. Doch Koll sagt, er habe noch niemanden getroffen, dem man nicht helfen könnte. Er macht Mut, sich mit dem Thema auseinander zu setzen: „Eine Möglichkeit gibt es immer.“

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