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Schneller als der Wind

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ein Wagen mit drei Rädern, mit bis zu 70 Stundenkilometern über den Strand zu jagen – die Segelsportart getestet in St. Peter-Ording

Reinsetzen, Segel dichtziehen und los geht es. Nur knapp 20 Zentimeter über dem glatten, festen Sandstrand von St. Peter-Ording ist man dem Boden so nah, dass feinste Sandkörnchen nicht nur von den Rädern, sondern auch als ständiger Flugsand ins Gesicht wehen. Wohl dem, der an eine Sonnen- oder Skibrille gedacht hat.

„Klass5 Promo“ heißt das dreirädrige Gefährt. Für Anfänger konzipiert, wird je nach Windstärke bis zu 5,5 Quadratmeter über den Mast gestülpt. Ein Schalensitz, der eher an eine Orthopädiehilfe erinnert, gibt dem Körper den entsprechenden Seitenhalt. Fast liegend wird mit beiden Füßen gesteuert und mit den Händen lediglich das Segel bedient.

Schon beim langsamen Dichtziehen der Schot merke ich die zunehmende Geschwindigkeit. Bei optimaler Segelstellung, angezeigt durch zwei Wollfäden im Segel, ist das Segeldreirad nicht mehr zu halten. „Es ist wie Gasgeben im Auto, wenn man die Segelschot dichtholt.“ Bei böigem Wind hebt dann auch das windzugewandte Seitenrad zeitweilig vom Boden ab. Schnell ist die Wendemarke erreicht, beim Abdrehen erfolgt noch zusätzliche Beschleunigung. Das Vorderrad hat Mühe, im zerfurchten Sand vorheriger Runden den Kurs zu halten, während beim Dichtziehen des Segels die beiden hinteren Räder wegdriften. Ein kurzes Gegensteuern hinein in den festen Sand und schon geht es wieder los, Runde für Runde bis Hände und Arme vom Schotenziehen schmerzen.

Anders als auf dem Wasser ist Strandsegeln leicht zu lernen. Vermittelt wird die obligatorische Theorie zur Segeltechnik und den Verhaltensregeln am Strand zunächst in einem Grundkurs, der aufbauend auf weitere Kurse bis zum Pilotenschein führt. Kurze Pausen werden von Segellehrer Thomas Sellin genutzt, um typische Anfängerfehler zu korrigieren. „Viele fahren zu stark gegen den Wind und bleiben dann einfach stehen“, weiß der 54-Jährige und erläutert den Anfängern, zum Teil aus ganz Deutschland angereist, auch gleich die besondere Bedeutung des Fahrtwindes. „Es ist die Kombination aus Fahrt- und wahrem Wind, als scheinbarer Wind bezeichnet, die für den Druck im Segel verantwortlich ist“, erläutert der erfahrene Segellehrer und verweist auf die mögliche Geschwindigkeit, die von Anfängern gerne unterschätzt wird. Bremsen, wie man sie von Autos her kennt, gibt es nicht.

Fest in der Hand des Yachtclub St. Peter Ording (YCSPO) sind die weiten Strandflächen für den Segelbetrieb, eine rund 14 Kilometer lange Sandbank bietet ideale Bedingungen, um Regatten auszutragen. Wer hier segeln will, braucht einen Pilotenschein und eine sportgerechte Haftpflichtversicherung, auch geht es nicht ohne die Erlaubnis des YCSPO. Rund 80 private Segelfahrzeuge parken über das Jahr im „Yachthafen“ hinter der Düne und warten darauf, nicht nur zum Spaß, sondern auch bei einer der zahlreichen Regatten gesegelt zu werden. So war die sechs Kilometer lange Piste in der Vergangenheit schon Austragungsort mehrerer Welt- und Europameisterschaften und bietet bei den rund 30 Minuten andauernden und bis 130 Stundenkilometer schnellen Wettfahrten auch viel für die Zuschauer.

Runde um Runde liegt hinter den Kursteilnehmern, die ungewohnte Bewegung sorgt schon am zweiten Tag für Muskelkater. Einige, die nur schnuppern wollten, haben gleich noch einen Folgekurs nachgebucht. Schneller als der Wind über den Strand zu jagen, ist Sport und Faszination zugleich. Schmerzende Muskeln in Arm und Nacken sind nach den zwei Tagen schnell vergessen, nicht jedoch der Rausch der Geschwindigkeit, die gefühlt schneller als in Wirklichkeit war.



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