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Schlaflos unterm Krähennest

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erstellt am 22.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Kiel | Mitunter geht es zu wie in Hitchcocks Thriller "Die Vögel". Der Himmel verdunkelt sich, wenn ein Saatkrähenschwarm von den Beutezügen im Umland zurückkehrt und im Kieler Park "Zum Brook" zur Landung ansetzt. Der Lärm ist ohrenbetäubend. "Am schlimmsten wird es, wenn die Jungen schlüpfen", prophezeit Walter Horst Schlick. Der 74-Jährige muss es wissen. Seit 38 Jahren wohnt er in der Hofstraße, am Rande des Parks und seit zehn Jahren führt er einen erbitterten Kampf gegen die gefiederten Plagegeister, die unter Naturschutz stehen und ihm das Leben schwer machen. Schlafen mit offenem Fenster - undenkbar. "Um vier geht das Gezeter los und erst ab 22 Uhr wird er ruhiger. Und schlimm ist nicht nur der Krach. Genauso ärgerlich sei es, dass man ständig beschissen wird, nicht nur von der Politik, die uns nicht hilft, sondern auch von den Krähen". Der Lack seines Auto wird vom scharfen Kot der Vögel zerfressen, Wäsche aufhängen oder im Garten Kaffee trinken geht gar nicht, und junge Familien wagen nicht mehr, den Kinderwagen in den Hof zu stellen. "Wer kann, zieht weg", berichtet der Rentner. Ein Problem, mit dem nicht nur Schlick und seinen Nachbarn kämpfen. Überall im Lande rufen Bürger um Hilfe. In Bad Segeberg im Kurpark ist es ganz schlimm, in Bad Bramstedt fühlen sich die Klinikpatienten gestört, in Elmshorn die Schüler des Gymnasiums, in Rendsburg haben Kita-Kinder Angst vor den Hitchcockvögeln. Und in Niebüll ist der Zuglärm eher zu ertragen als das Dauer-Gekrächze der am Bahnhof ansässigen Krähenkolonie.

Da rücken Gemeindearbeiter oder Feuerwehrleute mit Hubsteigern an, um Nester vor Beginn der Brutzeit zu entfernen und Äste zu kürzen, da wird mit Licht und Schallsignalen gearbeitet, um die schwarzen Vögel mit ihren hellen gelben Schnäbeln zu vergrämen - doch die zeigen sich von diesem Kleinkrieg unbeeindruckt. Meist sind solche Aktionen erfolglos - und auch nicht nötig, wie Naturschützer meinen. Die zweifellos vorhandene Belastung der Menschen sei zeitlich auf wenige Wochen der Nestbau- und Brutzeit begrenzt, sagen sie. Und an Märchen von Saatkrähen als Nesträuber, die den Singvögeln den Garaus machten, sei nichts dran, betont Schleswig-Holsteins Nabu-Sprecher Ludwichowski.

Wir müssen lernen, mit den Vögeln zu leben, lautet die Botschaft. In Ascheberg bei Plön wurde bereits ein Krähenlehrpfad eingerichtet. Auf den Schautafeln erzählt Sympathiefigur "Saatkrähe Gerda" von ihrem Leben und dem ihrer Artgenossen - um das Image als Plagegeist loszuwerden und das des bedrohten Vogels wieder in den Vordergrund zu rücken. Auch deshalb ist Schlick auf Nabu, BUND, Brüssel und die Umweltminister nicht gut zu sprechen: "Alle reden vom Naturschutz; ich frage mich: Was ist wichtiger, der Mensch oder die Krähen?"

Gut 60 000 Brutpaare gibt es in Deutschland, mehr als 25 000 tummeln sich im Norden. Krähen sind clever - sie ziehen dorthin, wo der Tisch prall für sie gedeckt ist. Besonders wohlschmeckend scheint das Angebot in städtischen Mülleimern und gelben Säcken zu sein, die regelmäßig geplündert werden. In Schleswig-Holstein wurde die Saatkrähen Anfang der fünfziger Jahre erstmals gezählt. Von 16 000 im Jahr 1954 hatte sich der Bestand bis 1975 durch Abschüsse, Nesträumungen und Vergiftung fast halbiert. 1980 wurde die Saatkrähe dann ganzjährig unter Schutz gestellt.

Heute gibt es wieder mehr Brutpaare als vor Beginn der Zählung - Tendenz steigend. Offen mag sich kaum ein Offizieller äußern. Doch nicht nur Schlick stellt sich die Frage, ob eine derart angewachsene Population noch geschützt werden soll und ob sie für den Naturraum überhaupt noch verträglich ist.

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