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Rotorabsturz löst Sicherheitsdebatte aus

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In der Pfalz reißt von einer der größten deutschen Windkraftanlagen ein Flügel bei laufendem Betrieb ab – Kritiker befürchten im Norden ähnliche Unfälle

Zum Jahreswechsel zog die deutsche Windkraftbranche Bilanz: „Windenergie ist preiswert und sicher, steht aber vor großen Herausforderungen“, resümierte der Spitzenverband BWE. Nur eine Woche später ist die Herausforderung schon da – und die angeblich sichere Branche in der Kritik: Von einer der größten deutschen Windkraftanlagen im Park Schneebergerhof nahe der rheinland-pfälzischen Stadt Bad Kreuznach ist ohne erkennbaren Grund ein 60 Tonnen schweres Rotorblatt bei laufendem Betrieb abgerissen und aus fast 140 Metern Höhe auf ein Feld gekracht. Das gab es so noch nie und hat jetzt eine neue Debatte über Gefahren der immer größer werdenden Windräder ausgelöst – nicht zuletzt im sturmreichen Norden.

„Ähnliche Unfälle werden künftig öfter vorkommen“, fürchtet Frank Jurkat, Sprecher der Initiative „Gegenwind Schleswig-Holstein“. Denn mit der Größe der Rotoren drohten auch die Unterschiede beim Winddruck zuzunehmen, denen die Rotorblätter häufig ausgesetzt sind. „Das Material wird dadurch über Gebühr belastet“, warnt Jurkat. Schlimmstenfalls breche der Flügel ab und falle in die Tiefe. „Und wenn der Gesetzgeber nicht endlich vernünftige Abstände der Anlagen zu Häusern und Straßen beschließt, dann werden bei diesen Unfällen auch Menschen zu Schaden kommen“, schimpft er.

Jurkat fordert daher, die Mindestentfernung der Windräder nicht nur von Wohnbauten, sondern auch von Verkehrswegen deutlich zu vergrößern: „Die Abstände zu Straßen, Schienen oder Wanderwegen sind ein Witz“, kritisiert er. Laut Erlass der Kieler Landesregierung sollen sie der Höhe des Turms plus Rotordurchmesser entsprechen. Tatsächlich lägen sie aber oft unter 50 Metern, weiß Jurkat. Zu Wohnsiedlungen dagegen muss eine Distanz von 800 Metern eingehalten werden, zu einzeln stehenden Gehöften von 400 Metern. Das ist Jurkat zwar auch zu wenig – aber immerhin mehr als bei Straßen und Wegen.

Zwar gibt es in Schleswig-Holstein bisher noch keine so große Anlage wie die jetzt in Rheinland-Pfalz havarierte „Enercon E-126“ mit ihren 198 Metern Höhe, 60 Meter langen Flügeln und sechs Megawatt Leistung. Doch in Hamburg stehen zwei Windräder genau desselben Typs nur rund 250 Meter neben der A 7 im Hafenstadtteil Altenwerder. Und in Brunsbüttel ragt an der Elbe immerhin ein Windrad 183 Meter hoch in den Himmel, im benachbarten Büttel sogar gleich fünf Räder 180 Meter hoch. Auch andernorts in Schleswig-Holstein werden die Propellertürme mächtiger, weil alte, kleine Anlagen zunehmend durch neue, große ersetzt werden, die mehr Strom produzieren.


Der Betreiber spricht von einem „singulären Schadensereignis“


Trotzdem sieht der Kieler Energieminister Robert Habeck keinen Grund zur Sorge – jedenfalls noch nicht. „Erst mal muss die Ursache des Vorfalls in Rheinland-Pfalz geklärt werden“, erklärt der Grünen-Politiker. Grundsätzlich habe er keine Bedenken gegen die neuen Riesenrotoren: „Die Anlagen werden als ausreichend sicher angesehen.“ Ebenso wenig sieht die Opposition im Landtag in der zunehmenden Größe der Windräder ein Problem: „Das ist der Fortschritt einer Technologie, die maßgeblicher Bestandteil der Energiewende ist“, sagt CDU-Experte Jens-Christian Magnussen. Auch die geltenden Abstände der Anlagen zu Häusern und Straßen seien „wohldurchdacht und sicher“.

Der Betreiber des pfälzischen Windparks Schneebergerhof, die Firma Juwi, beruhigt ebenfalls: Der Absturz des Rotorblatts sei ein „singuläres Schadensereignis“ gewesen und nicht auf ein generelles Problem wegen der Größe oder der Konstruktion der 2010 errichteten Anlage zurückzuführen, sagt Juwi-Sprecher Michael Löhr. Zudem sei niemand verletzt worden und der Flügel weit weg von der nächsten Straße nur 30 Meter neben dem Turm gelandet. Auch habe zur Zeit des Unfalls am Montag letzter Woche kaum Wind geweht, so dass eher ein Fehler beim Material oder Verschrauben des Rotors an der Nabe als Grund für das Abreißen in Frage komme. Die genaue Ursache werde erst in ein paar Wochen feststehen.

Um kein Risiko einzugehen, hat der Auricher Anlagenhersteller Enercon in den letzten Tagen alle Windräder vom Typ E-126 in Deutschland auf mögliche Fehler kontrollieren lassen. Rund 50 davon stehen in der Republik verteilt – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, aber eben auch in Hamburg-Altenwerder. Nach den Inspektionen gibt Enercon-Sprecherin Anne-Kathrin Gilberg bundesweit Entwarnung: „Es wurden keine Auffälligkeiten festgestellt.“

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erstellt am 08.Jan.2014 | 00:34 Uhr

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