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Richter: Schläger begreift seine Taten nicht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Rentner totgeprügelt – neuneinhalb Jahre Haft für 30 Jahre alten Kieler / Angehörige sind enttäuscht über das Urteil

Die Justizbeamten haben Schwierigkeiten, dem Verurteilten die Handschellen anzulegen. Nach der Verkündung des Urteils umringen ihn Freunde, die er umarmt, es gibt viel Schulterklopfen und gute Wünsche. Als die Handschellen endlich sitzen, hebt Sascha Z. (30) die Arme, ruft: „Wir sehen uns.“

Steif verfolgen die Nebenkläger in Saal 232 des Kieler Landgerichts das Schauspiel. „Als wäre nichts gewesen“, sagt Witwe Annemarie B. und fügt hinzu: „Und andauernd grinst er.“ Sascha Z. ist für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich. Dafür muss er jetzt neun Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Die Schwurgerichtskammer hat ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gesprochen.

Das Urteil, es ist nicht das, was die Angehörigen, Ehefrau, Tochter und Sohn, sich von der Verhandlung erhofft haben. Annemarie B. sagt: „Es ist zu milde für jemanden, der so viel auf dem Kerbholz hat.“ Sohn Roman B. hat eine Erklärung vorbereitet. „Sascha Z. hat sich in der Vergangenheit stets Opfer ausgesucht, von denen er nicht viel Gegenwehr zu erwarten hatte“, heißt es darin.

Die Angehörigen haben keinen Zweifel daran, dass Sascha Z., vielfach vorbestrafter Gewalttäter, „ganz bewusst in voller Tötungsabsicht“ zutrat. Auch der Staatsanwalt hatte zwölf Jahre Haft wegen Totschlags gefordert. Die drei Richter teilen diese Meinung nicht. Der Angeklagte hatte gestanden, sein Opfer am 17. Mai erst mit Faustschlägen angegriffen und dem gestürzten Mann dann einen Fußtritt gegen den Kopf versetzt zu haben. Der 72 Jahre alte Ulrich B. fiel ins Koma und starb sechs Tage später an Hirnblutungen.

Der Rentner hatte Tochter Melanie S. (43) helfen wollen. Sascha Z. hatte sie zuvor traktiert, weil er glaubte, sie hätte beim Zurücksetzen ihres Volvo V 40 vor einer Baustelle in Kiel seinen Hund angefahren. Melanie S. hat die Tat schwer traumatisiert. Sie sagt: „Mein Vater fehlt mir so sehr. Ich konnte nicht einmal mehr Tschüs sagen.“

Der Vorsitzende Richter Jörg Brommann verwendet bei seiner Urteilsbegründung viel Zeit darauf, zu erklären, warum Sascha Z. den Tod des Rentner aus Sicht der Kammer nicht vorsätzlich herbeigeführt hat. Laut Gutachten habe Sascha Z. mit einem IQ von 81 Schwierigkeiten, Ursache und Wirkung zu erkennen. So habe der Angeklagte nach einer Vernehmung den Kopf an die Schulter eines Kripo-Beamten gelegt und gegreint: „Warum passiert mir immer sowas.“ Der Richter: „Sascha Z. gerät in Situationen, die für ihn etwas Schicksalhaftes haben. Er begreift seinen Anteil daran nicht, weil er keinen Zugang zu sich hat.“ Mit den Taten von U-Bahn-Schlägern will Brommann den Kieler Fall nicht verglichen wissen. „Dabei wurde auf den Kopf oder gegen den Kopf von Liegenden getreten.“ Ulrich B. habe sich aufgerappelt, sei mit dem Spann am Kinn getroffen worden. „Nicht etwa der Fußtritt als solcher führte zum Tod, sondern dass das Opfer danach mit dem Hinterkopf aufs Pflaster schlug.“ Der Angeklagte habe den Tod weder für möglich gehalten noch billigend in Kauf genommen.

Den Angehörigen sagt der Richter: „Ich erlebe es immer wieder, dass für Nebenkläger das Schlimmste, was einem Angeklagten per Gesetz angetan werden kann, oft noch viel zu gut. Das kann und darf nicht die Sicht der Strafkammer sein. Sie wägt jeden Einzelfall ab und fällt auch keine Urteile, die andere abschrecken sollen.“

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