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„Reißt die Arme hoch!“ Wie die Feuerwehren neue Mitglieder willkommen heißen sollen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Von selbst kommen die Wenigsten. Die Freiwilligen Feuerwehren müssen heutzutage auf die Menschen zugehen, sie zum Mitmachen bewegen. „Aufrechte Haltung, leichte Rückenlage, Augenbrauen hoch!“, wettert der Kieler Lüdemann-Theater-Begründer Andreas Schauder die 250 Feuerwehrleute im Landeshaus an. Er gibt ihnen die Anleitung, wie sie Dennis, einen aus den eigenen Reihen, willkommen heißen. Es gelingt. Am Ende reißen die Blau-Uniformierten johlend Arme hoch, rufen „Deniiiis“, sind für wenige Minuten voll aus dem Häuschen. Was der Theatermann mit ihnen gerade durchgespielt hat, soll als Handwerkszeug dienen. Schauders Versprechen: „Wenn ihr damit in die Kneipe geht, habt ihr sofort zehn neue Mitglieder.“

Es ist der Auftakt zum zweiten Feuerwehr-Marketing-Kongress des Landesfeuerwehrverbandes Schleswig-Holstein. Wie bereits bei der ersten Auflage vor anderthalb Jahren stehen die 1371 Freiwilligen Feuerwehren im Land vor einer Herausforderung, die von Ayaan Hussein, Referentin der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, so umrissen wird: Es gibt immer weniger junge Menschen, dagegen immer mehr Alte – und es gibt immer weniger Zeit, die den Menschen zur Verfügung steht. Mitgliederschwund ist die Folge.

„Wir wollen angesichts des demographischen Wandels aber den Kopf nicht in den Sand stecken“, appelliert Landesbrandmeister Detlef Radtke an die Kongressteilnehmer. „Deshalb sind wir hier.“ Es gelte, das dichte Netz der Feuerwehren zu erhalten. Schilder im Landeshaus warnen an diesem Tag vor „Feuerwehrarme Zone, Hilfsfrist 1 Stunde!“. Dazu dürfe es nicht kommen, so Radtke.

Der Wandel hat längst begonnen, wobei Schleswig-Holstein im Ländervergleich „bereits auf dem richtigen Weg ist“, wie Dr. Ralf Ackermann, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, feststellt. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der Mitglieder bei den Freiwilligen Feuerwehren im Norden um rund 1000 auf gut 48100 im vergangenen Jahr gesunken. 2013 hat sich auch der positive Trend bei den mehr als 420 Jugendwehren leicht umgekehrt: Mit 9491 gab es 105 weniger Mitglieder.

Die Kinderfeuerwehr gilt als eine Möglichkeit, den Trend aufzuhalten und junge Menschen möglichst früh an dieses Ehrenamt zu binden. Das Land arbeitet an den Rahmenbedingungen. „Wir sind dabei, das Brandschutzgesetz anzupassen“, sagt Innenminister Stefan Studt (SPD). Künftig sollen die unter Zehnjährigen in die Feuerwehren eintreten können.

Das allein hilft aber nicht: Brandschutz gehöre stärker als bisher in den Blick der Gemeindepolitiker, sagt Studt unter starkem Beifall, redet aber auch den Feuerwehrleuten selbst ins Gewissen: „Moderne Führungsverantwortung muss her.“ Dazu gehöre auch, Migranten stärker anzusprechen und zu integrieren. „Dazu mehr Frauen an den Brand-Herd“, ergänzt Ackermann. Und – na klar – junge Leute müssen gewonnen werden.

Die Chancen stehen dabei gar nicht so schlecht: Angesichts des immer rasanteren gesellschaftlichen Wandels sind gerade bei jungen Menschen wieder Werte wie Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Zuverlässigkeit und Zusammenhalt sehr wichtig, sagt Zukunftsreferentin Ayaan Hussein. Und: „Sie wollen Anerkennung und möchten nicht das Gefühl haben, nur ausgenutzt zu werden.“ Ein Punkt, den der ehemalige Landtagspräsident Torsten Geerdts jetzt als Geschäftsführer des Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes bei seinen rund 300 zumeist jungen Bundesfreiwilligen beherzigt. Regelmäßig treffe er sich mit ihnen in kleinen Gruppen, berichtet Geerdts. Er höre sich an, was sie zu sagen haben. Für NDR-Moderator Benedikt Stubendorff (42), der durch den Kongress führt, ist das ein klares Signal: „Wir sollten auch hier die Jugendwehren mehr zu Wort kommen lassen und hören, was sie wollen.“

Solche Sätze gefallen Claas S. Schmidt (30) von der Freiwilligen Feuerwehr Melsdorf bei Kiel. Er ist Sprecher der Jugendfeuerwehren im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Zum ersten Mal ist er bei einem Feuerwehr-Marketing-Kongress dabei und kann bereits am Mittag ein positives Fazit ziehen: „Hier finde ich neue Ansätze für die Mitgliederwerbung.“ Dabei ist er bereits ziemlich modern vorgegangen, lief in seiner 1700-Einwohner-Gemeinde von Haus zu Haus. „Nur im Gespräch schafft man es, jungen Menschen bewusst zu machen, dass es eine gute Sache ist, freiwillig im Dienst des Brandschutzes und der Lebensrettung zu stehen“, sagt Schmidt. Ergebnis: „Immerhin fünf neue Mitglieder allein im Jahr 2013.“

Den Kieler Theatermann Schauder dürfte solch ein Erfolg der direkten Ansprache freuen. „Marketing muss Spaß machen“, hatte er eingangs den Feuerwehrleuten zugerufen. Der Kongress war aus einer Idee beim Kaffeetrinken entstanden, sagen die beiden Feuerwehr-Öffentlichkeitsreferenten, Ingmar Behrens und Holger Bauer. „Erste Erfolge sind sichtbar“, meint Innenminister Studt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine Fortsetzung gibt.“


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erstellt am 26.Okt.2014 | 19:20 Uhr

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