Raupen fressen alte Eichen an

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10. Januar 2013, 01:14 Uhr

kiel | Sie gilt als Synonym für Stärke und Beständigkeit - doch ausgerechnet die Eiche ist diejenige der häufigen Baumarten in Schleswig-Holstein, die am meisten schwächelt. Rene Rudolphi aus dem Referat Oberste Forst- und Jagdbehörde im Umweltministerium macht es mit Zahlen deutlich: Bei den über 60-jährigen Exemplaren der Eiche sind im Land 26 Prozent der möglichen Blattmasse verschwunden. 1984, zu Beginn der Aufzeichnungen, galt dies erst bei fünf Prozent. Mit 15 Prozent stellt die Eiche nach der Buche den am zweitmeisten verbreiteten Laubbaum dar.

Inge Damann von der Nordwestdeutschen Forstversuchsanstalt in Göttingen, die die den jährlichen Waldzustandsbericht für Schleswig-Holstein verfasst, hat ermittelt: 34 Prozent der Eichen im nördlichsten Bundesland weisen deutliche Schäden auf, 29 Prozent leichte. Als durchweg gesund gelten Damann zufolge nur 37 Prozent. Während die Auslichtung der Baumkronen bei Buchen, Fichten und Kiefern seit Jahren zurückgeht, stagnierte sie bei den Eichen seit 2008. Von 2011 auf 2012 gab es sogar einen weiteren leichten Anstieg. Experten befürchten eine weitere Zunahme: Denn zusätzlich zu den seit vier Jahren anhaltend hohen Schädlingen der so genannten Eichenfraßgesellschaft ist 2012 eine weitere gefährliche Raupenart über die Elbe eingewandert.

Es handelt sich um den Eichenprozessionsspinner. Ursprünglich war er nur bis zu den Mittelgebirgen heimisch. Durch den Klimawandel rückt die Schmetterlingslarve nun nach Norden vor. "2012 ist der Eichenprozessionsspinner in einer Linie vom Hamburger Stadtrand über Reinbek bis nach Schwarzenbek aufgetreten", teilt Rudolphi mit. Vor allem durch den Windzug entlang von Autobahnen und Bundesstraßen breite sich das Tier pro Jahr um 30 Kilometer aus. "Von daher rechnen wir 2013 mit Nestern bis in den Raum Lübeck. Wird der Befall entdeckt, muss abgesperrt werden", sagt Rudolphi. Denn der Eichenprozessionsspinner kann auch für den Menschen gefährlich werden: Die Larven bilden Brennhaare mit einer giftigen Flüssigkeit aus. "Die kann starkes Brennen, Quaddeln und starke allergische Reaktionen hervorrufen", sagt der Spezialist. "Ist ein Kind betroffen, muss unter Umständen der Rettungswagen gerufen werden." Denn der Prozessionsspinner bevorzugt Eichen außerhalb des Waldes - "wie sie etwa in Parks oder oft auf den Grundstücken von Kindergärten und Schulen stehen". Einzige Möglichkeit, für Sicherheit zu sorgen, sei, Spezialfirmen zu rufen. Die rücken dann mit riesigen Staubsaugern an. Dann werden die Larven verbrannt.

Die Eichen selbst greift der Prozessionsspinner an, indem er teils bis in den Juli deren Blätter frisst. Dieser späte Zeitpunkt ist ein besonderes Problem, weil die Larve so auch noch die zweite Garnitur der Blätter erwischt, die die Bäume als "Johannistrieb" ausbilden. Und immer öfter ist schon die erste Garnitur der Triebe angegriffen, weil diese bereits über vier Jahre auf anhaltend hohem Niveau von Raupen der so genannten Frostspanner-Schmetterlinge vertilgt wird. Diese schlagen bereits kurz nach dem Austrieb zu, weil ihre Larven genau dann schlüpfen. Und dann verzeichnen die Experten noch als dritten Stressfaktor Mehltau: weißliche Pilzsporen, die sich auf Blätter setzen und deren Kühlung unterbinden. Dass jüngere Bäume weniger beeinträchtigt sind als alte, erklärt Rudolphi menschlich: Wer solche Beschädigungen schon mehrfach mitgemacht hat, ist im Alter nicht mehr ganz so flexibel."

Den Anteil kompletter toter Eichen bezeichnet Inge Dammann derzeit noch als äußerst gering - gibt aber zu bedenken: "Häufiger kommt es im Anschluss an eine Welle, wie vom Frostspanner bekannt, zum Absterben."

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