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Itzehoe : Prokon stellt Insolvenzantrag

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Nach zwölf Tagen Hängepartie: Das Management um Carsten Rodbertus macht seine Drohung war. Rechtsanwalt Penzlin ist vorläufiger Insolvenzverwalter.

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erstellt am 22.Jan.2014 | 17:29 Uhr

Itzhoe | Der in Schieflage geratene Windanlagen-Finanzierer Prokon hat Insolvenz angemeldet. „Trotz des großen Zuspruchs und dieses überaus positiven Signals von Seiten der Genussrechtsinhaber“ habe das Unternehmen am Mittwoch einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Itzehoe gestellt. Ein vorläufiger Insolvenzverwalter wird das Unternehmen begleiten. Das Amtsgericht hat den Rechtsanwalt Dietmar Penzlin bestellt.

Weiterhin heißt es auf der Homepage von Prokon: „Das bedeutet allerdings keineswegs das Aus für Prokon.“ Der Antrag müsse zunächst auf seine Zulässigkeit geprüft werden, was einige Monate in Anspruch nehmen wird. „Wir sind nach wie vor operativ gut aufgestellt und sind zuversichtlich, dass wir die aktuellen Schwierigkeiten überstehen werden. Uns ist klar, dass es Zeit ist, etwas zu verändern“, schreibt das Prokon-Management um Chef Carsten Rodbertus auf Prokon.net.

Welche Folgen der Insolvenzantrag für die Anleger haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Inhaber der Genussscheine sind bei Prokon nachrangige Gläubiger, das heißt, sie werden erst bedient, wenn alle anderen Gläubiger ihr Geld erhalten haben. Welche sonstigen Verbindlichkeiten Prokon hat, ist unklar, da das Unternehmen keine testierten Abschlüsse veröffentlicht hat. Unklar ist auch, welchen Wert das Anlagevermögen hat und ob und in welchem Umfang es liquidiert werden muss. Prokon hatte in den vergangenen Tagen aber bereits darauf hingewiesen, dass Genussscheininhaber, die gekündigt haben, im Insolvenzfall nicht besser gestellt sind als die übrigen Anleger, die nicht gekündigt haben.

Insgesamt hat Prokon nach eigenen Angaben von 75.329 Genussrechtsinhabern 1,4 Milliarden Euro eingesammelt. Davon hatten sich 54 Prozent des Kapitals verpflichtet, ihr Geld für mindestens sechs Monate im Unternehmen zu belassen und auf Zinsauszahlungen zu verzichten. Prokon hatte eine solche Erklärung von mindestens 95 Prozent der Anleger verlangt, um eine Insolvenz zu vermeiden.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Penzlin teilte mit, dass der Geschäftsbetrieb „in vollem Umfang“ fortgesetzt werde. „Ziel des vorläufigen Insolvenzverfahrens ist die Sicherung und der Erhalt des Unternehmensvermögens." Löhne und Gehälter könnten bis einschließlich April über Insolvenzgeld vorfinanziert werden. Die Belegschaft werde kurzfristig informiert. Penzlin kündigt außerdem „kurzfristig“ eine Pressekonferenz an. Nach shz.de-Informationen wird sie am Donnerstag um 14.30 Uhr bei Prokon in Itzehoe stattfinden. Penzlin weist außerdem in seiner Erklärung ausdrücklich darauf hin, dass Zeichnungen neuen Genusscheinkapitals nicht möglich sind und Anleger keine Zahlungen auf Prokon-Konten mehr leisten sollen.

„Die Anmeldung der Insolvenz muss noch nicht das Ende des Unternehmens heißen“, sagt Itzehoes Bürgermeister Andreas Koeppen. „Nach einer gründlichen Analyse und Neuordnung kann es auch in Zukunft weiterbestehen – und damit vor allem auch eine Zukunft für die Beschäftigten bieten. Es gibt inzwischen genügend Beispiele anderer Insolvenzverfahren, bei denen die Unternehmen mit einer neuen Ausrichtung weiter am Markt bestehen konnten.“ Er hoffe, dass der Schritt nicht das Ende des Unternehmens ist. Zumal das Unternehmen ja in einer Zukunftsbranche tätig ist. „Das, was Prokon im Kern tut, ist das, was gesellschaftlich gewollt ist: die Energiewende gestalten.“

Auch Ralf Thiericke, Geschäftsführer im Innovationszentrum IZET und direkter Nachbar von Prokon, hofft, dass die wirtschaftliche Situation der Region nicht unter der Insolvenz leidet. „Ein Weiterführen der Geschäfte rund um erneuerbare Energien ist für die Westküste Schleswig-Holsteins und für den Standort Itzehoe/Kreis Steinburg elementar wichtig.“ Alle müssten sehr darauf bedacht sein, die Menschen in Lohn und Brot zu halten, bei Prokon oder zumindest in der Region. Denn diese brauche die gut ausgebildeten Fachkräfte, „es wäre fatal für uns, wenn sie in andere Regionen abwandern“. Bei den erneuerbaren Energien gebe es im Kreis eine Nach-Vorne-Strategie, „Prokon ist dafür ein Baustein“.

Dem Insolvenzantrag war eine zwölftägige Hängepartie vorausgegangen. Am 10. Januar hatte die Geschäftsleitung mit Insolvenz gedroht, falls nicht 95 Prozent der Anleger den Verbleib ihres Geldes im Unternehmen garantieren. (Eine ausführliche Chronologie finden Sie hier) Bereits seit längerem warnen Medien, Finanzexperten und auch die Stiftung Warentest vor den Prokon-Genussscheinen. Sie sind Teil des sogenannten Grauen Kapitalmarkts und unterliegen keinerlei Regulierung oder Prüfung durch Behörden wie etwa die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin. Das Prokon-Management redet bereits seit Monaten nicht mehr mit der Presse, weil es sich ungerecht behandelt fühlt.

Prokon bot seinen Anlegern zwei Arten von Genussscheinen an: Einen Typ mit fester mehrjähriger Laufzeit und einen Typ mit unbegrenzter Laufzeit und sechsmonatiger Kündigungsfrist. Insbesondere beim letzteren kam es zuletzt zu vermehrten Kündigungen, sodass sich die Geschäftsführung zum drastischen Schritt einer Insolvenzdrohung entschloss. Prokon hat nach eigenen Angaben 314 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 526 Megawatt in Betrieb und produziert darüber hinaus Biodiesel, Pflanzenöl, Holzpaletten und Holzbriketts.

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