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Fehlende Fachkräfte : Personalmangel: Dehoga beklagt „mangelnde Bereitschaft, sich krumm zu machen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Besonders im ländlichen Raum stehen Gaststätten vor dem Aus. Die erfolglose Suche nach Angestellten liegt nicht an der miesen Bezahlung, findet die Dehoga.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2015 | 19:47 Uhr

Kiel/Lütjensee/Glücksburg | Das Hotel und Restaurant Seehof in Lütjensee (Kreis Stormarn) läuft bestens. Selbstbewusst erzählt Senior-Chef Jürgen Stolze von der guten Auslastung der 180 Sitzplätze in dem 1949 gegründeten Familienunternehmen. Auch in der Woche sei immer viel los, wie er betont. „Trotzdem sind wir nicht mehr in der Lage, den Betrieb weiter zu führen. Es wird nicht gehen“, sagt der 72-Jährige. Er und sein Sohn überlegen in absehbarer Zeit die Türen zu schließen. 26 Mitarbeiter würde das betreffen – doch für einen reibungslosen Betriebsablauf bräuchte man fast die doppelte Anzahl. „Aber wenn wir uns beim Arbeitsamt melden oder eine Anzeige aufgeben, dann kommt niemand. Ob Köche, Restaurant- oder Hotelfach – es gibt einfach keine Kräfte.“ Dies führe jetzt schon dazu, dass er öfter am Abend selbst in der Küche stehe, so Stolze. Er sieht keine Perspektive mehr. Vielleicht werden die Stolzes eine Nutzungsänderung beantragen und aus dem Hotel Wohnungen machen.

Dieses Beispiel von Fachkräftemangel sei kein Einzelfall, sagt Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Schleswig Holstein. Das Problem ziehe sich wie ein roter Faden durch den Norden. „Rund zehn Prozent der Betriebe denken aktuell über eine Aufgabe nach“, so Scholtis. In der Regel seien das eher die kleineren, privat geführten Unternehmen. Noch eine weitere aktuelle Entwicklung bereitet ihm Sorgen: „30 Prozent der Betriebe sind derzeit aufgrund des Mangels gezwungen, sich neu auszurichten, das ist in diesem Ausmaß neu. Da wird der Mittagstisch gestrichen, die Karte verkleinert, die Außen-Gastronomie eingestellt oder ein weiterer Ruhetag eingeführt, weil man eben keine Leute findet.“ Es gehe mittlerweile längst nicht mehr darum, dass die Qualifikation vorhandener Kräfte zu schlecht sei, es sei einfach kein Personal mehr da. „5000 Fachkräfte fehlen laut neuesten Berechnungen  im Gastgewerbe, wenn die Entwicklung sich fortsetzt, sollen es im Jahr 2030 bis zu 25000 werden.“

Die Ursachen seien vielfältig, neben den Folgen des demographischen Wandels sei aber weniger eine unattraktive Bezahlung ein Hauptproblem – sondern eher die Arbeitszeit. „Es ist bei vielen Leuten ganz einfach die mangelnde Bereitschaft, sich krumm zu machen, wenn andere feiern. Das ist der Lauf der Dinge.“

Verbesserungen beim Marketing der Branche sieht Hans Joachim Beckers, Ausbildungsexperte der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein, als Weg. „Im Schnitt konnten die Unternehmen vergangenes Jahr im Norden 34 Prozent ihrer Ausbildungsplätze nicht besetzen – aber im Gastronomiebereich waren es 54 Prozent.“ Das liege an einem insgesamt immer vielfältigeren Ausbildungsangebot, so Beckers.  Es gebe bei der Vermittlung der Attraktivitätsmerkmale des Gastgewerbes – gerade bei der heutigen Konkurrenz um die Auszubildenden – noch „viel Luft nach oben“. Auch die Qualität der Berufsausbildung müsse dringend weiter verbessert werden.

Beides versucht Markus Schiller von der Direktion des Strandhotels Glücksburg. Von den 18 Plätzen für Lehrlinge in Service und Küche sind dort derzeit lediglich elf besetzt, es kommen nur wenige Bewerbungen rein. „Wir müssen das Positive mehr nach vorne rücken, all die Chancen und Möglichkeiten in der Branche aufzeigen, sagt Schiller. Erst kürzlich habe man dafür an einem neuen bundesweiten Tag der offenen Tür  teilgenommen – mit guter Resonanz. „Da waren dann elf potenzielle  Bewerber.“

Man achte  zudem vermehrt auf anständige Rahmenbedingungen während der Ausbildung und im Job.  So gebe es für alle Mitarbeiter etwa Rabatte bei Partner-Hotels, Trainee-Programme und Fortbildungen. Schiller: „Wir beschreiten neue Wege, aber die Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen.“

Ein Beispiel von vielen. Ein Kommentar von Till H. Lorenz

 

Der Gastronomie im Land geht das Personal aus. Langsam, aber sicher. Natürlich hat dies viel mit dem Image der Branche zu tun. Die Ausbildung gilt als hart, der Umgangston oft als rau, die Bezahlung als schlecht. In Umfragen der Gewerkschaften schnitt die Ausbildung im Hotel- und Gaststättengewerbe in den vergangenen Jahren oft nicht sonderlich gut ab im Vergleich zu anderen Branchen.

 

Das alles ließe sich freilich ändern. Eine Schwemme von Lehrlingen ist aber auch dann nicht zu erwarten. Denn die Gastronomie ist nur das extreme Beispiel für eine Entwicklung, die auch in anderen Branchen zu beobachten ist. Während dort aber über die Investitionen in Automatisierung und Rationalisierung wenigstens versucht werden kann, den Personalmangel zu umgehen und Lohnkosten an die Kunden weiterzureichen, ist dies bei der Gastronomie nur im sehr beschränkten Maße möglich. Zumal es eben ein Unterschied ist, ob jemand sich für den Kauf einer Waschmaschine oder den Besuch in einem Restaurant oder Café entscheidet. Letzteres dürfte schließlich vielen Verbrauchern im Zweifelsfall eher verzichtbar erscheinen. Zugleich ist die Gastronomie aber einer der personalintensivsten Bereiche. Und eben dieses Personal wird auf dem Land zur Mangelware. Die Betriebe konkurrieren in Zeiten steigender Abiturientenzahlen zunehmend mit Universitäten. Die Akademisierung der Gesellschaft ist im vollen Gange. Speziell in Schleswig-Holstein kommt für kleine Firmen auf dem Land noch die Konkurrenz mit Hamburg als Metropole hinzu, die wie ein Schwamm alles aufsaugt, was an Personal greifbar ist.

 

Der „echte Norden“ wird sich daher mittelfristig auf eine Welle von Schließungen einstellen müssen, die in der Gastronomie nur ihren Anfang  hat. Die Alternative – das Leben auf dem   Land durch massiven  Ausbau von Infrastruktur, durch preisgünstigen, verlässlichen und dicht getakteten Nahverkehr – für junge Leute in großer Zahl attraktiv zu machen, ist derzeit nicht in Sicht. Es zieht die Jugend also  fort  – und mit ihr die Zukunft.  Dass sie irgendwann für das Wohngefühl im Grünen zurückkehren mag, ist für die Betriebe vor Ort wenig tröstlich.

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