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Unwetterwarnung : Orkantief „Xaver“ kommt näher

vom

Das Orkantief „Xaver“ soll Extremböen im Gepäck haben und schwere Sturmfluten auslösen. Küstenschutzminister Habeck macht sich heute selbst ein Bild der Lage an der Nordseeküste.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 16:28 Uhr

Sylt | „Xaver“ droht für den Norden der ungemütlichste Zeitgenosse seit langem zu werden. Mit extremen Orkanböen, gleich mehreren schweren Sturmfluten und wohl auch noch Schnee wird das Tief ab Donnerstag Norddeutschland heimsuchen - wenn die Prognosen stimmen. Schleswig-Holstein soll es demnach am stärksten treffen, aber auch Niedersachsen und Hamburg müssen mit ungewöhnlich heftigem Unwetter rechnen. An der Nordseeküste stellen sich Bewohner auf Windgeschwindigkeiten von 160 Kilometern je Stunde und vielleicht noch deutlich mehr ein. Das wäre die Dimension von Vorgänger-Tief „Christian“, das vor gut fünf Wochen über das Land fegte und erhebliche Schäden verursachte.

Nachfolger „Xaver“ ist potenziell noch gefährlicher: Er wird voraussichtlich nicht nur ein paar Stunden wüten, sondern wohl eineinhalb Tage lang. Zudem erwarten die Experten gleich drei Sturmfluten und Schnee. Die höchste wird nach Einschätzung des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in der Nacht zu Freitag erwartet – und zwar nach Mitternacht.

Der Mix aus Sturmfluten und Schnee bereitet selbst sturmerprobten Nordlichtern Sorgen. Die Rettungskräfte rüsteten sich am Mittwoch für den zweiten Großeinsatz seit Ende Oktober. Im Norden und Westen Schleswig-Holsteins sowie in Ostholstein fällt die Schule aus.

Wasserstände von zwei bis zweieinhalb Metern über dem normalen Hochwasser werden für den frühen Nachmittag erwartet, noch einige Dezimeter mehr in der Nacht darauf. Das bliebe aber noch um 4,5 bis 5 Meter unter der Kronenhöhe der Landesschutzdeiche, die außer dem Wasserstand auch den Wellenauflauf berücksichtigen.

„Wir haben den letzten Sturm problemlos überstanden, so wird es auch diesmal sein“, sagte gestern Volker Sönksen, Leiter des Eidersperrwerks. Die fünf Doppeltore des 40 Jahren alten Bollwerks wurden bereits am Mittwochabend bei Niedrigwasser geschlossen. „So haben wir mehr Puffer für die Entwässerung, das Hinterland ist dann geschützt“, so Sönksen.

Küstenschutzminister Robert Habeck (Grüne) will sich am Donnerstag selbst ein Bild von der Lage an der Nordseeküste machen. Nach einem Abstecher nach Büsum besucht er das Husumer Einsatz- und Lagezentrum des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN). Das mit einem halben Dutzend Fachleuten besetzte und sowohl für die West- wie auch die Ostküste zuständige Zentrum kommt zum ersten Mal bei einer Sturmflut zum Einsatz. „Wir sind gut vorbereitet“, sagte LKN-Chef Johannes Oelerich am Mittwoch nach einem Probelauf.

Wenn es richtig schlimm kommt, werden auf den Halligen in der Nordsee nur noch die Warften aus dem Wasser herausgucken. Einzelne Wellen könnten sogar bis auf die Warften hochschlagen. Neun sind es auf Hooge, wo die rund 100 Bewohner alles sturmfest machten. „Je stärker der Sturm, desto höher ist der Wellenlauflauf“, schildert Bürgermeister Matthias Piepgras. Er legte mit der Feuerwehr fest, wo überall Sandsäcke verteilt werden und was sonst zu tun ist.

So hoch wie jetzt befürchtet, stand das Wasser auf Hooge schon lange nicht mehr. „Das hätte jetzt nicht sein müssen so kurz vor Weihnachten“, sagt Piepgras mit einem Stoßseufzer. Allerdings wurde die höchste Sturmflut für die Nacht zum Freitag in Ostfriesland auf der Insel Borkum erwartet. Die Hamburger Innenbehörde machte sich angesichts der in der Hansestadt erwarteten Wasserstände keine Sorgen.

Überall in der Nordsee-Inselwelt sicherten die Bewohner alles, was nicht niet- und nagelfest ist. „Da haben wir geglaubt, bestimmte Dinge können nicht wegfliegen, aber nach „Christian“ wissen wir, das fliegt doch“, meint Piepgras. Etwas weiter nordöstlich, auf Gröde, wollte Claudia Mommsen Baufahrzeuge sichern und rechtzeitig ihre Schafe in Sicherheit bringen. „Dann warten wir erst einmal ab“, sagt die Ferienwohnung-Vermieterin. „Viel kann man dann nicht mehr machen.“ Um die Hühner und Enten muss sie sich nicht so sehr kümmern: „Wenn es richtig windig ist, gehen die von selber nicht raus.“ 

Von Donnerstagvormittag an soll es stürmisch werden, ab Nachmittag dann richtig heftig. „Wir erwarten, dass Schleswig-Holstein wohl die stärksten Winde abbekommen wird“, sagt der Meteorologe Rüdiger Hartig vom Deutschen Wetterdienst voraus. „Und in der Nacht geht es dann so weiter.“ Erst in der Nacht zum Samstag werde der Sturm langsam nachlassen. Die lange Dauer sei schon etwas Besonderes. Sonst flaut es bei Schnellläufern nach sechs bis zwölf Stunden rasch wieder ab. 

Ruhe vor dem Sturm auch auf Sylt: „Wir sind gut präpariert“, sagt Ordnungsamtsleiterin Gabriele Gotthardt. Die Warnungen sind raus, Kontakte zu Betrieben, Schulen, Kitas, Krankenhäusern geknüpft. „Wir sind auch auf eventuelle Evakuierungen eingestellt“, berichtet Gotthardt. Der Lebensmittelhandel war darauf vorbereitet, dass am Donnerstag möglicherweise nichts mehr nach Sylt gebracht werden kann.

Wegen der Wetterlage wurden im Land auch schon Indoor-Veranstaltungen abgesagt, so in Schleswig. Für den Schiffs-, Flug- und Bahnverkehr sollten Einschränkungen einkalkuliert werden. In Kiel wurde sogar eine für Freitag angesetzte Bombenentschärfung auf Montag verschoben.

An den sandigen Küsten von Sylt, Amrum und Föhr erwarten Experten stärkere Sandverluste. Die Deiche hingegen gelten erst dann als gefährdet, wenn das Wasser um 3,5 Meter über den mittleren Tidehochwasserstand steigen würde. Davon sind die Prognosen weit weg.„Die Deiche sind wintersicher. Sie werden auch ohne Probleme eine Sturmflut wie 1962 oder 1976 überstehen“, versicherte der oberste Küstenschützer im Kieler Umweltministerium, Dietmar Wienholdt. „Als Land zwischen den Meeren ist Schleswig-Holstein die Macht von Wasser und Wind sehr vertraut“, sagt Minister Robert Habeck (Grüne). „Unsere Küstenschutzanlagen sind in einem guten Zustand, so dass sie auch den derzeit zu erwartenden Belastungen standhalten können.“ 

Das Land zwischen den Meeren gegen den „Blanken Hans“ zu verteidigen, ist teuer. 69 Millionen Euro bringt Schleswig-Holstein dieses Jahr für den Küstenschutz auf, davon 21 Millionen Euro reine Landesmittel zur Unterhaltung der landeseigenen Küstenschutzanlagen. Auch im Landesinneren zeichnen sich mit dem neuen Tief weitere Schäden ab: Nachdem schon „Christian“ Wälder verwüstete, sind diese bei Sturm nun noch anfälliger.

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