Wahlkampf : Ochsentour durch Hamburg

Michael Naumann (re.) im Gespräch mit einer Wählerin in Ottensen. Im Wahlkampf ist der honorige Bürgermeister-Kandidat sich nicht zu schade, selbst Blumen zu verteilen. Foto: dpa
Michael Naumann (re.) im Gespräch mit einer Wählerin in Ottensen. Im Wahlkampf ist der honorige Bürgermeister-Kandidat sich nicht zu schade, selbst Blumen zu verteilen. Foto: dpa

In einer Woche wird in Hamburg gewählt und die jüngsten Umfragen versprechen "hessische Verhältnisse": Für Ole von Beust (CDU) und Herausforderer Michael Naumann Grund genug, bei den Bürgern eifrig um Stimmen zu werben.

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15. Februar 2008, 05:29 Uhr

Ole von Beust beißt herzhaft in die Currywurst. Und amüsiert sich über das Schild an der Frittenbude, dass für Fettspritzer nicht gehaftet wird. "Eine gesunde Ernährung ist das A und O im Wahlkampf, Herr Bürgermeister", ruft eine Dame dem braungebrannten Kaloriensünder zu. Auf dem Markt im noblen Hamburger Stadtteil Rotherbaum ist der derzeit noch alleinregierende CDU- Bürgermeister an der Basis, er ist in seinem Element. "Moin, Guten Appetit! Na wie gehts denn so": Beust punktet bei den Bürgern. Und gibt den Kümmerer. Bei Sorgen zückt er aus seiner Jacketttasche Visitenkarten mit dem Namen seines Mitarbeiters: "Rufen sie ihn an."

Michael Naumann, der SPD-Kontrahent hat keine Karten und auch keinen Leibwächter dabei, 1000 Mal ist er nach eigener Einschätzung bisher über Märkte und Einkaufsstraßen gezogen - und bemerkt eine vor wenigen Monaten noch nicht gekannte Zuneigung. "Ah, das ist doch der Naumann von den Plakaten, unser neuer Bürgermeister", heißt es immer wieder. Mittlerweile kennen ihn über 90 Prozent der Hamburger.
Naumann: Kein Millionär, keine Villa, keine Yacht

Seit März 2007 ist er auf Ochsentour durch Hamburg. Noch immer sieht sich der Ex-Kulturstaatsminister und beurlaubte Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" konfrontiert mit Berichten aus den Anfängen seiner Kandidatenzeit, die bis heute in den Köpfen einiger Bürger herumspuken. Er sei Millionär, wohne an der edlen Elbchaussee und habe eine teure Yacht in den USA, beschimpft ihn ein Mann. "Alles falsch", sagt der Sozialdemokrat. "Die angebliche Yacht ist ein uraltes Holzboot, ich wohne in Eppendorf und Millionär bin ich auch nicht." Er ist nicht so volksnah wie Beust und nicht der geborene Politiker. Anfangs machte er Fehler, warf Zahlen durcheinander. Beust wirft ihm wirtschaftliche Inkompetenz vor. Mit Ehrlichkeit und Lernbereitschaft punktet nun aber der zunächst als "Kaffeehauspolitiker" verschriene Naumann beim Volk und holt auf. Populistische Tendenzen verbietet er sich.

In einer Woche wird in der Hansestadt gewählt und die jüngsten Umfragen versprechen "hessische Verhältnisse": Die CDU liegt bei 39 Prozent, die SPD bei 35, die Grün-Alternative Liste (GAL) bei 10, die Linke bei 8 und die FDP bei 5 Prozent. Beust und Naumann bekämpfen sich nicht wie Koch und Ypsilanti, im stillen Kämmerlein äußern sie Respekt für den Gegner - beide wissen, dass eine große Koalition in Hamburg bei der sich andeutenden komplizierten Wahlarithmetik zu den wahrscheinlichsten Optionen gehört.
"Basiswahlkampf macht unheimlich Freude"

Der 52-jährige von Beust und sein 66 Jahre alter Kontrahent, der vom Bürgermeister nur als "mein Junge" oder als "mein lieber Herausforderer" tituliert wird, schätzen den Straßenwahlkampf. Zugleich sind sie aber auch gezwungen, sich ins Wählergetümmel zu stürzen, im knappen Rennen kommt es auf jede Stimme an. Beust liegt in der persönlichen Präferenz weit vor Naumann. Laut des ZDF- Politbarometers wünschen sich 51 Prozent von Beust als Bürgermeister, 35 wollen Naumann. "Der hat was zu sagen", "Den wähl ich", "Meine Stimme haben sie", sagen die Bürger zu von Beust. Die CDU zehrt von ihm, er ist weitaus beliebter als seine Partei in Hamburg. Als er es zu Beginn des Jahres im Gefühl eines sicheren Sieges eher gemächlich angehen ließ, rumorte es in der Partei, er wurde dazu getrieben, stärker seine Beliebtheit in die Waagschale zu werfen.

Alfred Gödecke lacht. Gerade hat der Bürgermeister dem 80-Jährigen versprochen, sich einzusetzen, damit er doch noch eine Rente für seine Kriegsschäden bekommt. 1946 war Gödecke völlig abgemagert, nur noch 83 Pfund schwer, aus dem Gulag Begowat in der Sowjetunion zurückgekehrt. Eine Frau beschwert sich wenig später, dass die CDU eine Kinderbibliothek schließen will, Beust sagt: "Sie bleibt in der Grundversorgung erhalten. Wir müssen aber auch sehen, dass wir das Geld zusammenhalten." Das mache unheimlich Freude, sagt Beust über den Basiswahlkampf. Vor ein paar Tagen traf er erstmals nach 35 Jahren den Verwalter wieder, bei dem er als 17-Jähriger als Lagerarbeiter in einer Fotofirma gejobbt hatte.

Michael Naumann verteilt wenig später im Stadtteil Ottensen Rosen an die Damen. Sie sind rot wie die SPD - aber er sagt zu den Wählern nur: "Gehen Sie bitte am 24. Februar wählen, das reicht mir schon". Alassani Wakilou tritt auf ihn zu. "Herr zukünftiger Bürgermeister, darf ich eine Rose für meine Frau haben?" Der gebürtige Togolese ist seit einigen Jahren eingebürgert und bestens über Politik informiert. Ein Mann ruft: "Vielleicht klappt das ja noch" und reckt den Daumen hoch. Naumann lacht: "Da bin ich mir ganz sicher."

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