Bionische Kniegelenke : Neues Leben mit denkenden Knien

Völlig neues Gehgefühl: Cihad Yayman läuft die ersten Runden auf  den Prothesen.
Völlig neues Gehgefühl: Cihad Yayman läuft die ersten Runden auf den Prothesen.

Hochmoderne künstliche Gelenke verhelfen dem Doppelamputierten Cihad Yayman zu ungewohnter Bewegungsfreiheit.

shz.de von
18. Juni 2014, 12:29 Uhr

Glinde/Kiel | „Mein Leben hat sich komplett umgestellt“, sagt Cihad Yayman (22). „Ich stehe jetzt wie eine Eins.“ Das ist nicht selbstverständlich. Dem Spross einer türkisch-syrischen Familie, die vor seiner Geburt nach Deutschland kam, mussten aufgrund einer Fehlbildung im Kleinstkindalter beide Beine oberhalb der Knie amputiert werden. Cihad war zeitlebens auf Gehhilfen angewiesen und ist jetzt der erste Doppelamputierte, dem in Kiel beidseitig hochmoderne mikroprozessorgesteuerte Prothesen angepasst wurden.

Cihad Yayman hat sich schnell an die künstlichen Beine gewöhnt. Ausweichbewegungen aus der Hüfte, ein „unrunder“, schaukelnder Gang, Probleme beim Treppensteigen – diese Erkennungsmerkmale eines Prothesenträgers gehören für ihn der Vergangenheit an. „Das Knie reagiert viel besser“, beschreibt der junge Mann aus Glinde (Kreis Stormarn) das neue Gehgefühl. Die früheren Prothesen besaßen keine „Bremsen“, schon bei leichtem Gefälle bestand Sturzgefahr. Diese Zeiten sind vorbei. Wer nichts von seinem schweren Schicksal weiß, kann am Gang nicht mehr erkennen, dass Yayman auf Gehhilfen angewiesen ist.

„Die bionischen Kniegelenke sind intelligente Systeme“, erklärt Carsten Heider, Leiter des Bereichs Prothetik beim Orthopädietechnikhersteller OT Kiel. Das Unternehmen betreut Cihad Yayman seit seiner Kindheit. Heider spricht von Mikroprozessoren, Sensoren und Reglern, „die selbstständig erkennen, wann es notwendig ist, das Bein zu beugen oder wann es in einer Standphase ausgewogen belastet werden soll“. Das bringt dem Patienten neben der Standfestigkeit weitere Vorteile. Rückenschmerzen und schnelle Ermüdung, bei Prothesenträgern oft chronische Probleme, werden gelindert.

Allerdings: Nach Angaben von Heider kann nicht jeder Amputierte mit dem hochmodernen Gelenk laufen. Es ist weniger eine Frage des Alters als vielmehr die aktive Bereitschaft, mit dem therapeutischen Umfeld zu kooperieren. Bei Cihad Yayman ist sie gegeben. Der 22-Jährige hat seinen Führerschein gemacht, fährt ein Auto ohne technische Umbauten und sogar Motorrad (allerdings nur mit Automatikgetriebe). Er ist leidenschaftlicher Tänzer und wird im Sommer seine Lehre zum Kaufmann im Einzelhandel abschließen. Er sagt: „Ich wollte mein Leben auch mit der Amputation immer so aktiv wie möglich gestalten. Ich lasse mich nicht runterziehen. Das, was mir passiert ist, kann auch anderen Menschen passieren.“

Gut 80.000 Euro kosten die „Genium-Bionic“-Kniegelenke, die bei Otto Bock Healthcare in Duderstadt hergestellt wurden. Orthopädietechnik-Unternehmen müssen für diese Produkte ihre Mitarbeiter schulen und ein Zertifizierungsverfahren durchlaufen. Denn es geht nicht allein um die mechanische Anpassung, sondern auch um feinste Elektronik, die eingestellt, überprüft und regelmäßig gewartet werden muss. Zudem erwartet die Krankenkasse als Kostenträger eine ausführliche Dokumentation.

„Im künstlichen Kniegelenk sitzen sieben Sensoren, die mit einer Frequenz von 100 Hertz – 100 Impulse pro Sekunde – auf die aktuellen Anforderungen reagieren“, erklärt Carsten Heider, Orthopädietechnik-Meister und Leiter des Prothetik-Teams bei OT Kiel. Ob der Patient nun schnell oder langsam geht, ob er vorwärts oder rückwärts läuft, die Treppe hoch oder runter – die hydraulische Steuerung reagiert auf jede noch so kleine Bewegung.

Bei Ruhepausen schaltet das „denkende Knie“ die Energieversorgung vorübergehend ab, was bei den Vorgängermodellen nicht der Fall war. Vorteil: Die Akkus halten doppelt so lange und müssen nur noch einmal in der Woche etwa fünf Stunden aufgeladen werden. Acht hochmoderne Genium-Bionic-Prothesen hat das Kieler Team bisher angepasst – Yayman war der einzige Doppelamputierte. Heider erzählt: „Der Moment, als Cihad mit seinen neuen Prothesen unser Haus verließ, war auch für uns ein besonderer Moment. In seinem Gesicht war pure Freude zu lesen.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch das Flensburger Sanitätshaus Schütt & Jahn gemacht, das auch aus Dänemark Anfragen erhält. Ein halbes Dutzend seiner Patienten läuft bereits mit den „Genium-Bionic“-Prothesen herum. „Und alle sind hochzufrieden“, sagt Geschäftsführer Norbert Kuss und erklärt: „Das ist ein Quantensprung in der Orthopädie-Technik.“ Aber auch er schränkt ein: „Das Grundverständnis des Beinamputierten muss vorhanden sein.“ Laut Kuss kommt diese moderne Technik auch bei fehlenden Armen zum Einsatz. Er lobt beispielsweise die „bionische Hand“, eine ausgezeichnete Hilfe für die Silvesteropfer, denen der Böller oder die Rakete zwischen den Fingern explodiert war.

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