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Friesenhaus mit Pferd : Nasar, das Pferd in der Wohnküche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Um ihr Pferd Nasar vor dem Orkan Xaver in Sicherheit zu bringen, holte sie das Tier kurzerhand ins Haus. Seitdem ist der dreijährige Araber-Wallach nun schon Dauergast in der Bauernkate.

Holt | Nasar ist wie andere Dreijährige auch, er liebt es, seine Mitbewohner zu necken, hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, wo im Hause die Süßigkeiten versteckt sind und ist überaus neugierig. Als ich vor der Gartenpforte stehe, ist Nasar der erste, der mich begrüßt. Er kommt durch den Garten getrottet und baut sich vor mir auf. Nasar senkt den Kopf vorsichtig über die Pforte und wirkt tiefenentspannt. Als Stephanie Arndt ihn ruft, macht er kehrt und lässt mich hinein. Er trottet mit gespitzten Ohren neben mir her, und als wir im Hauseingang stehen, stupst er mich mit der Nase in der Seite. Hey, ich bin hier die Hauptperson!

Stephanie Arndt ist lustig, lebensfroh und durchaus stark, besitzt aber keinesfalls übermenschliche Kräfte. Ihr Haus ist nicht kunterbunt und ihr Vater ist keineswegs König auf einer Südseeinsel. Und doch: Irgendwie scheint die Szenerie einer Pippi-Langstrumpf-Verfilmung zu entstammen. Statt Äffchen leben mit ihr Hund und Katze unter einem Dach. Und statt des kleinen Onkels eben Nasar, ein Araber-Wallach mit erstaunlichem Ego.

Nasar mag es gemütlich. Als wir das reetgedeckte Bauernhaus betreten, kommt er wie selbstverständlich mit. Wir bleiben im Flur stehen, Nasar geht weiter. Hufgeklapper hallt aus der Küche. Wir gehen ins Esszimmer, setzen uns an den großen Holztisch. Stephanie Arndt möchte mir Fotos zeigen, von Nasar und seinen ungewöhnlichen Marotten. Sie erzählt, wie das Pferd das Haus für sich eroberte und wie es dazu kam. Neben mir liegt die Kamera, damit ich das kuriose Zusammenleben von Mensch und Tier dokumentieren kann. Es scheppert in der Küche. „Ach, die Teetassen“, sagt Stephanie Arndt. Ihr Pferd liebt es, das Porzellan im Regal zu verschieben oder die im Fach darunter verstauten Wolldecken auszuräumen. Klapper, klapper. Nasar steckt den Kopf durch die Wohnzimmertür, wartet kurz, und schon steht er neben dem Esstisch. Ich gehe einige Schritte zurück, für das Foto. Nasar nutzt den Moment – und genehmigt sich einen Schluck aus meinem Apfelsaftglas.

„Das habe ich ihm nicht beigebracht!“, bekräftigt Stephanie Arndt nicht zum ersten Mal. „Der ist einfach sehr speziell.“ Das glaube ich aufs Wort. Was soll man von einem Pferd halten, das nicht die Flucht ergreift, wenn es Feuer wahrnimmt, sondern sich am offenen Kamin neben das Sofa stellt und fernsieht. Von einem Pferd, das die Arbeitsfläche in der Küche systematisch nach Leckereien durchsucht, bis es in einer kleinen Keramikschale fündig wird und sich vorsichtig ein Weingummi stibitzt. Ein Pferd, das sich einen Spaß daraus macht, dem Kater im Flur die Decke wegzuziehen, dass dieser über den Fußboden purzelt. „Nasar war schon anders, als ich ihn mit sechs Monaten bekam. An anderen Pferden war er nicht interessiert. Er dackelte immer nur hinter mir her“, lacht Stephanie Arndt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nasar hat auch einen Stall, sogar einen besonders schönen und großzügigen. Der liegt etwa hundert Meter durch den Garten hinter dem Haus. Darin hat der Wallach viel Platz, großzügigen Auslauf, stets frisches Stroh. Umgeben ist der Stall von stattlichen Tannen – und letztlich ist genau dieser Umstand mit ursächlich für die tierische Wandlung im Leben von Stephanie Arndt.

Die 39-Jährige ist keinesfalls eigentümlich. Sie ist ehemalige Triathletin, startete bei mehreren Weltmeisterschaften und arbeitet heute als Ärztin. Sie berät zudem Unternehmen aus dem medizinischen Bereich, Krankenkassen und Kliniken. Ins ländliche Holt – im Nirgendwo zwischen Flensburg, dänischer Grenze und nordfriesischer Einöde – hat es sie der Ruhe wegen verschlagen. Ein Leben in erträglicher Reichweite zur Autobahn, aber eben mitten in der Natur mit Hund, Katze – und Pferd.

Es war der Orkan Christian, der im vergangenen Herbst erhebliche Schäden am Reetdach ihres Bauernhauses verursacht und eine 300 Jahre alte Eiche im Garten gefällt hatte. Als kurz darauf eindringlich vor Orkan Xaver gewarnt wurde, gingen ihr die stattlichen Tannen rund um den Pferdestall nicht aus dem Kopf. So räumte sie kurzerhand einen Raum im Eingangsbereich ihres Hauses leer, brachte eine Lage Stroh aus und stellte dort für die Dauer des Unwetters das Pferd unter. „Dass ihm das so gut gefällt, habe ich natürlich nicht geahnt“, sagt Stephanie Arndt rückblickend. Fortan nutzte Nasar jede Gelegenheit, um ins Haus zu kommen. Wurde die Tür für Hund Aaron geöffnet, stand Nasar im Flur. Kater Lilly möchte in den Garten hinaus, Nasar lieber hinein. So wurde aus der Notlösung für Stephanie Arndt inzwischen Normalität, aus dem Stallbewohner ein stubenreines Haustier, das seine Besitzerin immer wieder überrascht und sich erst in seinen Stall trollt, wenn es im Haus genug erlebt hat.

Als ich mich verabschiede, stehen wir noch eine Weile im Flur. Nasar steht hinter uns, und ihm wird es schnell zu bunt. Er hat sich eine Weile im Spiegel betrachtet. Jetzt möchte er Aufmerksamkeit, wackelt mit dem Kopf – erst nach links und rechts, dann nach unten und oben. Er hebt ein Bein, winkelt es an, stupst uns mit der Nase. Stephanie Arndt öffnet die große Haustür, winkt zum Abschied. Bis ans Gartentor begleitet mich ein anderer.

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