Nadeln im Fleisch – Tränen vor Gericht

Mit diesem Foto suchte die Polizei die Verdächtige.
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Mit diesem Foto suchte die Polizei die Verdächtige.

Um den Menschen ihren Appetit auf Hack und Wurst zu verderben, steckte eine Malenterin Stopfnadeln hinein / Gab es einen zweiten Täter?

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04. Mai 2015, 13:39 Uhr

Ihr Geständnis ist von Schluchzern unterbrochen, immer wieder tupft die Angeklagte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, was ich getan habe“, sagt Evelyn F. (60).

Die Frau aus Bad Malente (Kreis Ostholstein) wollte ihren Mitmenschen den Appetit auf Hack und Würstchen verderben. Wegen gemeingefährlicher Vergiftung und gefährlicher Körperverletzung muss sie sich jetzt vor dem Lübecker Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft Evelyn F. vor, fast ein Jahr lang Fleisch mit Nadeln und abgebrochenen Kanülen gespickt zu haben. 26 Fälle in Supermärkten in Eutin und Bad Malente rechnen ihr die Ermittler zu. Die Taten habe sie während einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen begangen.

„Zur Grillzeit habe ich mir Prospekte angesehen und da war dieses Industrie-Fleisch, voll mit Medikamenten, unter unsäglichen Bedingungen hergestellt“, erklärt Evelyn F. und fügt hinzu: „Ich sagte mir, da musst du was tun, damit die Leute das mal merken.“ Sie habe ein altes Nähkästchen von ihrer verstorbenen Schwiegermutter gehabt. Darin: ein Nadelkissen mit Stopfnadeln, bis zu 4,5 Zentimeter lang. „Die Nadeln habe ich in dieses schmierige Fleisch in den Kühltheken gesteckt.“

Der Richter will wissen: „Was wollten sie damit erreichen?“

Die Angeklagte sagt: „Ich habe mich schon immer mit Lebensmitteln befasst und hoffte, dass irgendwann in der Zeitung steht: Guckt euch an, was im Fleisch alles drin ist. Ich wollte, dass die Leute kein Fleisch mehr essen.“ Evelyn F. betont: „Heute weiß ich, dass ich mich verrannt habe. Ich bereue es unendlich.“

Nicht alle Käufer bemerkten die Nadeln rechtzeitig. Desirée S. (30), Hausfrau aus Eutin, steckte beim Kneten von Hackfleisch plötzlich eine Kanüle im Daumen. Und Melanie C. (17) aus Süsel stach sich eine Nadel in den Gaumen, als sie bei ihrer Mutter in einen selbstgemachten Hamburger biss. „Sie musste sich übergeben, konnte drei Tage lang nicht essen“, berichtet Bettina C. (49). Zwei weitere Opfer spuckten die Nadeln ohne Verletzungen aus.

Nachdem im Oktober 2013 die ersten Funde gemacht worden waren, brach in den Chefetagen der Supermärkte Panik aus. Thomas Lasrich (36) von „Famila“: „Wir tasteten unser Fleisch mit Metalldetektoren ab, installierten Videokameras über den Kühltheken.“ Dirk Reimerdes (49), Qualitätsmanager bei „Coop“: „Leider waren die Nadeln mit einem Detektor nur zu finden, wenn sie in der richtigen Richtung lagen.“ Wurstzipfel mit ihren Metallclipsen sorgten außerdem für Fehlalarme. Besorgt notierten die Verantwortlichen in den Krisenstäben, dass durch die Nadelstiche das Vakuum nicht aus den Verpackungen entwich – was ein guter Hinweis für die Mitarbeiter gewesen wäre. Die waren von Anfang an informiert worden, ebenso wie Polizei und Lebensmittelüberwachung. Nur den Kunden wurde die Gefahr verschwiegen.

Angeordnet hatte das die Polizei, die den Täter nicht warnen, sondern fassen wollte. Die Soko ermittelte zunächst gegen den Mitarbeiter eines Sky-Markts in Eutin. Von den vier Wochen genehmigter Observation wurden wegen Personalmangels jedoch nur einige Tage genutzt. Es entstand aber ein Video, in dem der Mann beim Bestücken der Fleischtheke eine auffällige Bewegung macht. „Wir haben ihn damit konfrontiert“, erklärt Kripo-Ermittler Martin D. (51) dem Richter. Der Verdächtige habe allerdings nicht gestanden. „Und aus ihm rausprügeln können wir es nicht.“ Im September 2014 geriet dann Evelyn F. in den Fokus. Eine Überwachungskamera filmte sie beim Präparieren von Hackfleisch, ein Foto wurde veröffentlicht. Die Malenterin stellte sich daraufhin selbst der Polizei und wurde nach der Vernehmung in die Fachklinik Schleswig eingewiesen. Ihr Anwalt sagte gestern: „Es bestehen Zweifel, dass sie allein für alle Taten verantwortlich ist. Sie hat nur Nähnadeln verwendet, es wurden aber auch Kanülen gefunden.“

Der Prozess wird am 21. Mai mit der Erörterung der persönlichen Verhältnisse der Angeklagten fortgesetzt. Dazu wird die Öffentlichkeit voraussichtlich ausgeschlossen werden.

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