Nachts kommen die Diesel-Diebe

Flucht ohne Beute: Die  vollen Kanister, abgepumpt aus dem Sattelzug, werden zur Spurensicherung abtransportiert. Kröger
Flucht ohne Beute: Die vollen Kanister, abgepumpt aus dem Sattelzug, werden zur Spurensicherung abtransportiert. Kröger

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25. Januar 2013, 01:14 Uhr

Kiel/Lübeck | Der Fahrer wollte zu seinem Sattelzug, stolperte über Kanister und zwei Männer, die gerade seinen Tank leerpumpten. Als er die Täter anschrie, sprangen sie auf und flüchteten mit einem Transporter - zurück blieben zehn Zwanzig-Liter-Kanister, randvoll mit Diesel.

Diese Tat vom vergangenen Sonntagabend im Lübecker Gewerbegebiet Roggenhorst ist kein Einzelfall. "Die Zahl der Kraftstoffdiebstähle aus Fuhrparks steigt spürbar", sagt Thomas Rackow, Geschäftsführer der Fachvereinigung Spedition und Logistik Schleswig-Holstein. "Die Ursache ist der hohe Dieselpreis."

Die Täter gehen mittlerweile gut vorbereitet ans Werk. "Bei Kontrollen wurden Kleintransporter entdeckt, in denen ein riesiger Tank eingebaut war", sagt Uwe Keller, Sprecher des Kieler Landeskriminalamts (LKA). "Er diente dem Transport von abgezapftem Diesel aus Lkw-Tanks." Noch hat das LKA für 2012 keine aktuellen Zahlen. "Doch es gibt eine deutliche Zunahme gegenüber 2011", so Keller. "Und da waren es 690 Fälle, was auch schon 56 Prozent mehr sind als im Vorjahr." Wird mit dem geklauten Sprit gehandelt? "Uns liegen keine Erkenntnisse dafür vor, dass es einen Schwarzmarkt gibt", sagt Keller. "Wir gehen deshalb davon aus, das für den Eigenbedarf gestohlen wird." Doch wer zapft 800 Liter Diesel aus dem Tank eines Sattelzugs ab?

Thomas Rackow von der Fachvereinigung Spedition und Logistik hat einen Verdacht. "Osteuropäische Spediteure behandeln ihre Leute sehr schlecht. Oft werden sie mit ihren Lkw in Deutschland stehen gelassen, bis der nächste Auftrag kommt. Sicherheitsleistungen müssen sie aus eigener Tasche zahlen, das ist den Chefs egal." Er wisse von Zollbeamten, die diesen Fahrern etwas zu essen gekauft hätten, weil sie kein Geld mehr hatten. "Deshalb ist es denkbar, dass osteuropäische Fahrer gemeinsam auf Diesel-Diebestour gehen, weil ihre Spedition auch am Geld für den Sprit spart."

Zur Theorie von Thomas Rackow passt, dass nach Erkenntnissen seines Fachverbands vorwiegend während der Pausen auf Rastplätzen Sprit abgezapft werde - also dann, wenn der eigene Lastzug ohne Diesel nicht mehr weiter kommt. Möglich ist aber auch, dass Banden mitmischen, bei denen die osteuropäischen Fahrer dann kaufen können - oder müssen. LKA-Sprecher Keller sagt: "Bei Kontrollen in den Häfen wird oft nicht nur Diebesgut entdeckt. Bei Kleintransportern auf dem Weg nach Osteuropa finden sich häufig auch die typischen großen Kanister." Also das "Werkzeug" der Täter.

Anders als jetzt in Lübeck scheuen die Diebe die Konfrontation mit den Fahrern im Ernstfall oft nicht, ebenfalls ein typisches Merkmal osteuropäischer Täter. "Ich war entsetzt über einen Fall, bei dem einem Fahrer der Mund mit Sekundenkleber zugeklebt wurde", sagt Rackow.

Der Berliner (45) hatte im April 2012 auf dem A 24-Rastplatz Roseburg (Herzogtum Lauenburg) bemerkt, wie ein Mann den Tankdeckel seines Trucks aufbohrte. Der Fahrer wollte sich den Täter greifen, bekam im gleichen Moment von dessen Komplizen einen Schlag auf den Hinterkopf und wurde bewusstlos. Etwa drei Stunden später erwachte er in einem Knick - mit zugeklebtem Mund. Er musste auf einen Zettel schreiben, dass jemand die Polizei rufen solle.

Im Gegensatz zu anderen Delikten, ist der Aufwand für den Diesel-Diebstahl überschaubar. Sven Winkel, Chef der "Detektei & Ermittlungsdienst Hamburg", der bei Treibstoff-Diebstahl Speditionen und Baustellen observiert: "Man braucht keine große Ausrüstung: Nur eine Pumpe und Kanister." Aus seiner Erfahrung ist der Täterkreis größer, auch einheimische Speditionen gehörten dazu. "Ich spreche nicht von den großen Firmen,sondern von kleineren Fuhrunternehmen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Da gibt es Schwarze Schafe." Neben den Betriebshöfen der Speditionen und Parkplätzen sieht Winkel Baustellen als bevorzugte Ziele. "Da gibt es Diesel in großen Mengen - unbewacht."

Was können Spediteure tun? Die Bandbreite reicht von stabilen Gitterrahmen um die Tanks bis hin zu modernster Technik: Tankverschlüsse, die eine SMS versenden, wenn sie unberechtigt geöffnet werden - und Füllstandsensoren, die ebenfalls per SMS Alarm schlagen, wenn Diesel aus dem Tank gepumpt wird. Sichtbare Videoüberwachung auf dem Firmengelände wirke laut LKA ebenfalls abschreckend.

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