Müll, Kot, Chaos: Jugendamt holt Kleinkinder aus völlig verwahrloster Wohnung

shz.de von
02. Juni 2014, 16:55 Uhr

Wieder bringt ein erschreckender Fall von Kindesverwahrlosung Hamburgs Jugendämter in Bedrängnis. Wie gestern bekannt wurde, hatte die Polizei im April in Schnelsen zwei Kleinkinder aus einer völlig vermüllten Wohnung gerettet. Das zweijährige Mädchen und ihr dreijähriger Bruder wurden ihren Eltern vorläufig entzogen und leben derzeit im Kinderschutzhaus. Warum die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes Eimsbüttel die unwürdigen Lebensumstände nicht bemerkt haben, konnten die Behörden gestern nicht erklären.

Seit mehr als sechs Jahren befindet sich die Familie in der Obhut der Sozialdienste. Damals wurde der erste Sohn geboren, die Mutter war 15. Der Junge und seine zwei Jahre jüngere Schwester (heute 4 Jahre alt) sind der damals Minderjährigen entzogen worden und leben bei Pflegeeltern. Für die zwei und drei Jahre alten Geschwister beließen Behörden und Gerichte das Sorgerecht bei den Eltern.

Am 27. April hatten Nachbarn in dem Schnelsener Mehrfamilienhaus die Polizei verständigt, weil vom Balkon der Familie Fäkalien tropften. Die Beamten mussten die Tür aufdrücken, weil die Mutter (21) sie nicht hereinlassen wollte. In der Wohnung bot sich ein Bild des Schreckens: aufgerissene Mülltüten, Wäscheberge, Essensreste und Kot. In der Luft lag ein beißender Gestank, nahezu alle Möbel waren kaputt. Mitten im Chaos: die verdreckten und verstörten Kinder – und ein Kampfhund. Bevor die Beamten Bruder und Schwester samt Mutter mitnahmen, mussten sie den Ehemann bändigen. Der als gewalttätig geltende 26-Jährige hatte seine Frau im Beisein der Polizisten wüst angeschrien und angegriffen. Er ist vorbestraft. Zumindest eine Befürchtung bewahrheitete sich anschließend nicht. Die Untersuchung in der Uniklinikum Eppendorf ergab keine Hinweise auf körperliche Misshandlung der Kleinkinder.

Wie ist es möglich, dass den Betreuern des Jugendamtes bei Besuchen die katastrophalen Zustände nicht aufgefallen sein sollen? „Dieser Frage gehen wir jetzt nach“, sagte ein Sprecher der Sozialbehörde.

Zuletzt hatte der gewaltsame Tod der dreijährigen Yagmur im Dezember für großes Unverständnis gesorgt. Auch ihre Familie befand sich in der Obhut der Jugendämter, dennoch starb das Mädchen nach schwerer Misshandlung. Die Mutter ist wegen Mordes angeklagt, der Vater wegen Unterlassung.

Aus dem Bezirksamt Eimsbüttel hieß es gestern, bei Besuchen der Sozialarbeiter sei die Wohnung unaufgeräumt gewesen, nicht aber verdreckt. Allerdings: Mehrfach sollen die Eltern den Betreuern den Zutritt verwehrt haben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Kindeswohlgefährdung. Ein Familiengericht muss entscheiden, ob den Eltern das Sorgerecht dauerhaft entzogen wird. Dabei gerät auch das Schicksal des nächsten Geschwisterchens in den Blick. Denn die Mutter ist erneut schwanger, im fünften Monat.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen