Mordgeständnis in der Küche

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10. Januar 2013, 01:14 Uhr

Kiel | Es ist ein schwerer Weg nach vorn ans Richterpult. Und ein Abschied, weit schmerzlicher als am Grab. Marlies V. (65) will Bilder ihres toten Sohnes sehen. "Es ist Ihre Entscheidung", sagt der Vorsitzende. Marlies V. nickt.

Ihr Sohn ist zerstückelt und in die Jauchegrube geworfen worden - vom eigenen Vater. Schweinemäster Hans-Martin V. (63) aus Sülfeld bei Bad Oldesloe muss sich wegen Mordes vor dem Kieler Landgericht verantworten. Der Angeklagte soll seinen Sohn, der mit 2,4 Promille am Küchentisch eingeschlafen war, einen Böller in den Mund gesteckt und angezündet haben. Henning V. (27) erstickte an den Resten des kubischen Kanonenschlags, vier mal vier Zentimeter dick.

Am zweiten Verhandlungstag trägt die Gerichtsmedizinerin ihr Gutachten vor. Dazu gehören Fotos der Obduktion. Marlies V. weint, eine Mitarbeiterin des Weißen Ringes stützt sie. "Ich habe Henning alleine geboren und ich habe ihn alleine beerdigt", sagt sie zum Richter. "Mein Mann hat Henning nie gewollt, für ihn war er nur ein ungeliebter Fresser, den er am liebsten abgetrieben hätte." Der Zorn des Vaters über den ungewollten jüngsten Sohn habe Henning ein Leben lang verfolgt. Wenn der Junge sich aufs Rad schwang, soll der Vater gesagt haben: "Hoffentlich fährt dich mal jemand tot." Als jungen Mann hätten Henning V. dunkle Ahnungen geplagt: "Mama, der wird mich mal betäuben und aufhängen." Dann habe er auf dem Sofa gesessen und geweint wie ein kleines Kind, so die Mutter.

Die Ehe zerbricht. Wegen häuslicher Gewalt ruft Marlies V. kurz vor dem Verbrechen die Polizei. Von diesem Moment an habe ihr Ehemann um Rückkehr gebettelt, berichtet sie. Zwei Tage nach dem Tod des Sohnes sei er vom Hof ins Haus der Familie gekommen. "Du wirst Henning nie wieder sehen, ich habe ihn umgebracht", soll er in der Küche gesagt haben. "Wir glaubten, es ginge ihm nur um Aufmerksamkeit", berichtet Martin V. (37), der Bruder des Toten. Zu oft habe der Vater komische Sachen gesagt. So sah er Schnee im Sommer und den toten Hund der Familie. Doch Henning V. ist tot. Aber ist es möglich, einem Menschen im Schlaf einen Böller in den Mund zu stecken? Der Angeklagte behauptet, der Sohn habe sich den Böller selbst in den Mund gesteckt. Deshalb hakt der Staatsanwalt nach, ob der Böller nicht doch zwischen die Zähne geschoben werden konnte? Die Gerichtsmedizinerin sagt: "Vielleicht." Der Prozess wird fortgesetzt.

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