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Mit Jacko und Gorbi auf dem Rücksitz

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 23.Nov.2014 | 13:44 Uhr

Gorbatschow fuhr er, die Klitschkos, Obamas Schwester, Till Schweiger, Loriot, Iris Berben, Hape Kerkeling und Heidi Kabel. Michael Jackson kutschierte er während der „History“-Tour vom Bremer Parkhotel ins Weserstadion. Die Bonner Politgarde von Kohl und Brandt bis zu Strauß und Diepgen nahm wiederholt in seinen Limousinen Platz. Ebenso Angela Merkel, Christian Wulff, Genscher, „Wowi“ oder Gerhard Schröder.

Seit 40 Jahren gibt es die Talkshow „3 nach 9“ von Radio Bremen, gerade erst feierte man Jubiläum. Von der ersten Sendung an fährt der Taxifahrer Rolf Schlichting die prominenten Gäste zu Deutschlands dienstältester Talkshow.

Einst hatte die Bundeswehr den Eutiner nach Schwanewede verschlagen, hier lernte er auch seine Frau Helma kennen. 1971 machte sich Rolf Schlichting mit seinem Taxiunternehmen selbstständig und spezialisierte sich schnell auf den Limousinenservice. Schon bald sollte sich sein beruflicher Horizont erweitern. Drei Jahre nach dem Erwerb seiner Konzession empfahl eine befreundete Mitarbeiterin von Radio Bremen den damals 36-jährigen als Fahrer für „3 nach 9“.

Am 19. November 1974 ging die mittlerweile dienstälteste deutsche Talkshow erstmals auf Sendung. Seither sind Schlichting und seine Frau Helma Sendung für Sendung die Fahrer der Talkgäste. Nach einer eng terminierten Dispo werden die überwiegend prominenten Zeitgenossen an den entsprechenden Freitagen gestaffelt ab 12 Uhr vom Flughafen abgeholt und in die Maske gebracht. Später gilt es, die Promis nach der Liveshow wieder ins Hotel zu bringen und am nächsten Morgen zum Flughafen zu kutschieren.

Oftmals musste Schlichting die Gäste aus anderen Städten abholen – so etwa aus Bonn, wo die Politprominenz von einst sich die Limousinen-Türklinke in die Hand gab, aus Berlin, wo Klaus Wowereit von seinem Büro abgeholt wurde oder aus Hamburg, wo Loki Schmidt und Inge Meysel zustiegen. „Loki fragte sofort demütig, ob sie bitte rauchen dürfe. Inge Meysel wollte unterwegs zu einem Schlachter gefahren werden, hat dann alles umgetauscht und das Personal wahnsinnig gemacht“ erinnert sich Schlichting, zu dessen Stammkunden auch der 2008 gestorbene Kaffeeunternehmer Klaus Jacobs und der Bremer Vulkan gehör(t)en. Manche Scheichs, die ihre Luxusyachten in der Werft Abeking und Rasmussen in Lemwerder aufmöbeln ließen, gaben bis zu 300 Euro Trinkgeld, weiß der 76-Jährige zu berichten.

In fast jeder „3 nach 9“- Sendung sitzt er mit seiner Frau im Publikum. Zur Jubiläumsshow näselte Jan Delay ein Ständchen im Wagen. Nach 40 Jahren im Dienste der Talkshow weiß der Promi-Chauffeuer manch eine Anekdote zu erzählen. Einmal hatte sich Alice Schwarzer während der Zugfahrt mit Wasser bekleckert und ihren BH zum Trocknen aus dem Taxifenster gehalten.

Auf der Autogrammkarte, für Schlichting schreib die Frauenrechtlerin: „Dank dem fliegenden Schlichting!“, Thomas Gottschalk textete „Keep rockin’, Rolf“. Jan Fedder kletterte einmal aus Schabernack in den Kofferraum der Nobelkarosse und sah sich später in Schlichtings Haus nach alten Traktorteilen um. Ein schwer bewachter Mafiajäger, der bei „3 nach 9“ auspackte, musste in einer gepanzerten Limousine abgeholt werden. An Dreharbeiten zum „Tatort“ mit Sabine Postel erinnert sich der bescheidene Chauffeur genauso gern wie an die legendären, in Bremen gedrehten Sketche mit Evelyn Hamann und Loriot. Zum 75. Geburtstag gab es sogar Glückwünsche aus dem Kanzleramt.

Mit Peter Ustinov habe es besonders viel zu lachen gegeben, aber auch mit Regine Hildebrandt: „Die konnte vielleicht schnattern – aber das war eine ganz Liebe!“, erinnert sich der passionierte Autofahrer an die 2001 verstorbene Politikerin. „Jopie hat Sie sehr gemocht”, schrieb Simone Rethel als Reaktion auf ein Kondolenzschreiben Schlichtings für den verstorbenen Johannes Heesters. Schlichting hatte den Holländer bereits1985 zu Dreharbeiten des ersten Kinofilms mit Otto Waalkes gefahren.

Im Laufe von 40 Jahren sammelte der Autonarr über zwei Millionen Kilometer auf seinen Tachos. Neben einer stattlichen Autogrammsammlung besitzt der 76-jährige eine große Sammlung von Biografien, die ihm seine Gäste zukommen ließen. Da gesellen sich signierte Werke von Marcel Reich-Ranicki („sehr freundlich“) zu denen von Günther Grass, Loriot oder DDR-Größen wie Schalck-Golodkowski und Egon Krenz. Nicht mit jedem komme man freilich ins Gespräch. Entweder würden sich die Gäste auf den anstehenden Auftritt konzentrieren oder sie säßen – wie bei Michael Jackson, Gorbi oder Farah Diba – hinter einer abgedunkelten Trennwand mit Personenschützern und Bodyguards: „Dann kommt es gar nicht erst zum direkten Kontakt“.

In den letzten Jahren, hat der gebürtige Holsteiner bemerkt, seien die Geschäftsleute und Promis ohnehin sehr beschäftigt: „Die fangen meist sofort an zu telefonieren“. Persönliche Freundschaften gibt es dennoch, etwa zu Talkmaster Giovanni di Lorenzo, den Schlichting seit 26 Jahren fährt und der den Chauffeur in einer Dankeskarte lobte: „Schön, dass es einige Dinge gibt, die sich nie ändern.“

Gefragt nach ihren eindrucksvollsten Begegnungen, muss auch Helma Schlichting nicht lang überlegen. „Witta Pohl war sehr warmherzig, Iris Berben fand ich toll. Zu Talkmasterin Amelie Fried hatte sich ein tolles Verhältnis entwickelt.“ Ans Aufhören denkt der bescheidene „Promikutscher“ lange nicht. „Wenn man das eine Zeit gemacht hat, gibt man das nicht von heute auf morgen auf!“

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