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Minen mitten in der Fahrrinne

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erstellt am 04.Mai.2013 | 01:14 Uhr

kiel | Der Frachter-Verkehr von und zum Nord-Ostsee-Kanal, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Segelboote: Sie alle sind am Ausgang der Kieler Förde ahnungslos über buchstäblich tickende Zeitbomben gefahren. Mitten in der Seeschifffahrtsstraße liegen dort vor Heidkate zwölf gefährliche britische Grundminen aus dem Zweiten Weltkrieg. Übermorgen beginnt der Kampfmittelräumdienst des Landes Schleswig-Holstein damit, sie sicherzustellen. Offenbar war es reines Glück, dass bisher nichts passiert ist. "Das ist so, als wenn eine Bombe unter einer Autobahn liegt", sagt der zuständige Dezernatsleiter für Kampfmittelbeseitigung im Landeskriminalamt, Jürgen Kroll.

Dass am östlichen Ausgang der Kieler Förde zu Kriegsende massenhaft Munition versenkt worden ist, ist zwar grundsätzlich lange bekannt. Dass sich direkt in der Seeschiffahrtsstraße Sprengkörper mit derartigem Gefahren-Potenzial befinden, so Kroll, konnte jedoch erst jetzt durch modernste Sonartechnik der Marine herausgefunden werden. Zum Beispiel war nicht bekannt, dass sie über Zünder verfügen . Bisher haben Spezialisten bezünderte Grundminen dieser Art stets gesprengt. "Das Risiko, sie erst woanders hinzuziehen, ist für die Taucher einfach zu hoch", erklärt Kroll. Um die Umwelt zu schützen, soll nächste Woche erstmals ein neues Verfahren zum Einsatz kommen, dass Sprengungen wenigstens zum Teil vermeidet. Dazu ist geplant, die Minen mit Sprengladungen so zu öffnen, dass der Zünder vom Sprengkopf getrennt wird. Das bietet die Chance, die Objekte transportfähig zu machen und in Sperrgebiete zu ziehen. Ob dies wirklich klappt, kann Kroll indes nicht im voraus versprechen. Allein der Einsatzleiter könne vor Ort entscheiden, ob dieses Vorgehen sicherheitstechnisch vertretbar sei. Zur Not bleibe doch nur die kontrollierte Sprengung.

Die ist dem Naturschutzbund (Nabu) ein Dorn im Auge. Dessen Geschäftsführer Ingo Ludwichowski befürchtet negative Einflüsse nicht nur auf Meeressäuger wie Schweinswale. Für wahrscheinlich hält er auch eine Schädigung von Jungfischen und Fischlaich. Als Minimum fordert der Nabu den Einsatz eines Blasenschleiers wie er verwendet wird, wenn es beim Bau von Windparks zur Sprengung von Munitionsresten kommt. Der Schleier vermindert den Unterwasserschall. Am liebsten wäre Ludwichowski ein Verzicht auf die Aktion in der kommenden Woche. Mit Blick auf Unmengen weiterer Altlasten vor Schleswig-Holsteins Küsten vermisst er "ein umfassendes Konzept, in dem dargelegt wird, wie die Meeresumwelt und die Bürger vor den späten Kriegsfolgen geschützt werden sollen". Dies solle ohne Zeitdruck zwischen Behörden und Umweltverbänden erarbeitet werden. Kampfmittelexperte Kroll winkt ab: "Die Lage der zwölf Minen birgt eine konkretisierte erhebliche und gegenwärtige Gefahr für die öffentliche Sicherheit." Deshalb müsse man umgehend handeln.

Die Naturschutzverbände habe er darüber selbst vorab informiert; das technische Vorgehen sei zudem mit dem Referat Meeresschutz im Umweltministerium abgestimmt. Unstrittig ist auch für den Kampfmittelräumdienst-Dezernenten, dass es jenseits des aktuellen Falls "ein gewaltiges Problem mit Kriegs-Altlasten im Meer" gibt. Insgesamt lagern in deutschen Hoheitsgewässern mindestens 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 5000 Tonnen chemische Kampfmittel.

Ähnlich wie der Nabu hält Kroll eine umfassende Strategie für notwendig, wie man mit dem Erbe des Krieges auf dem Grund von Nord- und Ostsee umgeht - allemal, weil die Minen, Bomben und Torpedos undicht zu werden drohen. Eine Lösung zu finden, sei jedoch Aufgabe der Politik und nicht einer Behörde zur reinen Gefahrenabwehr, wie es der Kampfmittelräumdienst sei.

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