Migrantin, Mama, Mittlerin

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25. Dezember 2012, 01:14 Uhr

Hamburg | "Wir sind in Deutschland, um Geld zu verdienen, nicht, um in die Schule zu gehen." Immer wieder hört Delphine Takwi diesen Satz von den afrikanischen Eltern, die sie betreut. Sie muss ihnen dann erklären, warum es wichtig ist, gut Deutsch zu lernen und den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Ihr stärkstes Argument: "Ich will, dass eure Kinder eine bessere Zukunft haben."

Die Worte sprudeln geradezu aus Delphine Takwi hinaus, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Die 37-Jährige kennt die Probleme der Familien, die sie betreut: "Ich weiß, wie schwer das ist." Sie selbst habe einen "Kulturschock" erlitten, als sie vor zwölf Jahren nach Deutschland kam. Sie verstand die Sprache nicht, störte sich an den kalten Wintern und den kühlen Norddeutschen, die sich im Bus nicht grüßen. Seitdem hat sie einen weiten Weg zurückgelegt. "Früher war ich fremd", erzählt Takwi. "Jetzt bin ich angekommen." Nun hilft sie anderen Einwanderern, das gleiche zu schaffen.

Denn Delphine Takwi ist dreifache Mutter: im Privaten, im Berufsleben - und im Ehrenamt. Sie hat zwei kleine Töchter, arbeitet als Tagesmutter und engagiert sich dazu auch noch als Stadtteilmutter. Als eine von zwölf Frauen hat sie vor einem Jahr den ersten Stadtteilmutter-Lehrgang der Hamburger Diakonie abgeschlossen. Nun hilft sie Migrantenfamilien bei Behördengängen, gibt Tipps zur Kindererziehung, berät bei Schulproblemen und schlichtet bei Ehekrach. Jeder vierte Schüler in Altona hat einen Migrationshintergrund.

Wer Stadtteilmutter werden will, muss eigene Kinder haben und selbst Migrantin sein. Denn das ist die Kernidee: Die Stadtteilmütter sollen Mittlerinnen sein zwischen der deutschen Gesellschaft und den Einwanderern. Sie sprechen die Sprache der Familien, kennen ihre kulturellen Hintergründe und oft ihre Probleme aus eigener Erfahrung. "Sie haben Zugang zu Bereichen, in die wir Deutsche nicht reinkommen", sagt Projektleiterin Angela Bähr. Vorbild der Initiative ist das Stadtteilmütter-Projekt in Berlin-Neukölln. Finanziert wird das Projekt in Altona je zur Hälfte vom Bezirksamt und durch Spenden. Die Stadtteilmütter erhalten eine kleine Aufwandsentschädigung.

Sechs Familien hat Delphine Takwi bisher betreut, die meisten von ihnen aus Afrika. Um Zugang zu ihren Wohnungen zu bekommen, wendet sie sich zuerst an die Mütter. "Die Mutter ist wie die Eingangstür zur Wohnung", erklärt Takwi. Sie spricht die Frauen in ihrem eigenen sozialen Umfeld an, im Kindergarten oder in der Tagesstätte. Die meisten Mütter seien anfangs misstrauisch, berichtet sie. "Sie glauben, man kommt vom Jugendamt." Dass Takwi selbst Migrantin und Mutter ist, hilft dann, Vertrauen zu gewinnen. Sie sage den Frauen: "Guckt mal, ich bin eine von euch."

Manchmal können schon kleine Tipps etwas bewegen. Gerade betreut Takwi eine junge afrikanische Mutter, die seit 2010 in Deutschland lebt. Gern hätte sie einen Deutschkurs belegt, erzählt die 25-Jährige, aber sie wollte ihren sieben Monate alten Sohn nicht allein zu Hause lassen.

Delphine Takwi klärte sie darüber auf, dass das Jugendamt Gutscheine für die Kindertagesstätte ausgibt, und half beim Ausfüllen des Antrags. Nun geht die junge Frau viermal pro Woche zum Deutschunterricht - mit hörbarem Erfolg: "Ich liebe Deutsch!", verkündet sie fast ohne Akzent.

Delphine Takwi will so lange als Stadtteilmutter arbeiten, "wie Gott mir die Kraft gibt, anderen Menschen zu helfen". Sie glaubt, dass ihre Arbeit nicht nur für den Stadtteil wichtig ist. "Das hat auch mit der Zukunft für dieses Land zu tun", sagt sie. "Den Kindern gehört die Zukunft des Landes." Von Politikern wünscht sie sich, dass sie dem Projekt mehr Wert zumessen. Denn: "Wenn man einen guten Apfel ernten möchte, dann muss man die Wurzel gießen."

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