Scheues Wild : Mehr Wilderei in SH: Jäger in Sorge

Immer scheuer reagiert Wild auf Autos – Jäger befürchten, dass Blitzaktionen illegaler Schützen der Grund dafür sind.

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09. Januar 2015, 12:31 Uhr

Eckernförde | Das Wild in Schleswig-Holstein wird immer scheuer. Diese Beobachtung haben Jäger in verschiedenen Landesteilen gemacht. Grund dafür sind nach ihrer Ansicht Wilderer.

„Wir bemerken die Veränderung seit ungefähr einem Jahr“, sagt Uwe Jacobi von der Kreisjägerschaft Eckernförde. „Das Wild ist sehr heimlich geworden, verlässt seine Deckung kaum noch.“ Die zur Weihnachtszeit gewünschten Rehrücken habe man nur schwer liefern können. Gleichzeitig würden immer wieder Spuren von Wilderern entdeckt: Drahtschlingen, leere Kleinkaliberhülsen, ein abgetrenntes Rehhaupt oder auch ein geschossener Dammhirsch, der in Osterby in einer Wasserkuhle lag.

Die Wilderer kommen mit dem Auto. „In der Dunkelheit werden Feldflächen mit Autoscheinwerfern abgeleuchtet“, sagt Hartmut Gansewendt, Leiter des Reviers Emkendorf im Naturpark Westensee. Dann wird geschossen. Jäger Lars Jöhns ist bei Techelsdorf Augenzeuge einer solchen Tat geworden. „Ein Auto stand auf einem Feldweg, mit der Taschenlampe wurde eine Freifläche abgeleuchtet. Dann folgte ein Schuss.“ Nur eine Minute habe der Täter gebraucht, um das Reh einzuladen.

Das Wild scheint sich der Gefahr anzupassen. „Es reagiert mittlerweile scheu auf Autos“, sagt Jöhns. „Dabei ist es ungewöhnlich, dass Rehe weglaufen, wenn ein Auto anhält.“ Uwe Jacobi und Hartmut Gansewendt bestätigen: Das Wild reagiert stark auf Fahrzeuge. „Bei Annäherung eines Autos sind die Tiere weg“, so Jacobi.

Die Kriminalstatistik verzeichnet nach der Wirtschaftskrise 2008 einen starken Anstieg der Strafverfahren wegen Jagdwilderei. 2013 lag die Zahl der gemeldete Fälle bei 142. „Die Dunkelziffer dürfte allerdings weit höher sein“, sagt Christopher von Dollen vom Landesjagdverband.

Was können die Jäger tun? In Willenscharen (Kreis Steinburg) war 2013 ein Wilderer von einer Wildkamera fotografiert worden. Das Bild wurde an das Handy eines Jägers gesendet, der die Polizei informierte. Sie stellte den Mann nach einer spektakulären Verfolgungsfahrt in Neumünster. Bei der Durchsuchung seines Wagens wurde ein Repetiergewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer gefunden. Einen solchen Erfolg wird es aber wohl nicht noch einmal geben, denn das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz ist der Meinung, dass Wildkameras in frei zugänglichen Bereichen der Natur grundsätzlich unzulässig sind – sie verletzten die schutzwürdigen Interessen von Spaziergängern.

„Also können wir Jäger nur besonders aufmerksam sein“, sagt Uwe Jacobi. So bitte man beispielsweise auch Landwirte, genauer hinzuschauen. Jürgen Scheel, Vorsitzende der Kreisjägerschaft Rendsburg-Ost, rät dazu, die Kennzeichen verdächtiger Fahrzeuge zu notieren. Laut Landeskriminalamt (LKA) ist die Jägerschaft für das Thema sensibilisiert. „Die Anzeigebereitschaft durch die Jagdaufsichtsberechtigten hat sich erhöht“, sagt LKA-Sprecher Stefan Jung.

Was aber passiert mit dem illegal geschossenen Wildbret? Beim Landesjagdverband glaubt man nicht, dass gastronomische Betriebe das Fleisch abnehmen. Bleibt der Eigenbedarf oder der Verkauf im Netzwerk von Freunden und Bekannten. Doch die Preise für Wildfleisch sind, gemessen am Aufwand, der vor dem Verkauf in ein Stück Wild gesteckt werden muss, relativ gering: 50 Euro für ein Reh und bis zu 150 Euro für ein Damwild. „Da dürften andere Arten von Kriminalität lukrativer sein“, sagt Christopher von Dollen vom Landesjagdverband.

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