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„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Weltweit gab Ernst-Ulrich von Kameke Orgelkonzerte. Der frühere Organist und Kantor der Hamburger Hauptkirche St. Petri lebt heute in Großenaspe und organisiert dort jährlich große Orgelzyklen. Besondere Erinnerungen verbindet der 87-jährige Orgelmusik-Professor, der Präsident der Musik-Akademie für Senioren ist, mit dem vertonten weihnachtlichen Psalm 24 „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“. Prof. von Kameke:

War es Zufall oder Fügung, dass wir ausgerechnet diesen Psalm mit dem Hamburger Bachchor probten, als sich am Abend des 11. Novembers 1989 die Tore zur Wiedervereinigung in ganz Deutschland öffneten? Obwohl der Psalm für den 1. Advent vorgesehen war, verlegte ich ihn wegen der tiefen Symbolik auf den folgenden Gottesdienst nach der Maueröffnung in St. Petri. In den ersten Bänken der Kirche saßen zahlreiche, aus dem Osten erstmalig herübergekommene Christen. Unter allen hinterließ der Psalm in dieser einmaligen Situation starken Eindruck.

Für viele Chormitglieder wurde Psalm 24 noch an einem anderen Punkt aktuell: Bei seinen alljährlichen Besuchen im Ostberliner Stadtteil Köpenick hatte der Bachchor während des Kalten Krieges den Grenzbahnhof Berlin-Friedrichstraße unter unwürdigen Umständen zu passieren. Lange Wartezeit, Fragen durch die Volkspolizei in einer Tonart, als seien wir alle Kriminelle, und Gefahr der Einreiseverweigerung, wenn herauskommen sollte, dass wir in Ostberlin im Gottesdienst mit einem dortigen Chor zusammen singen wollten. Nun veränderte sich die Szene mit einem Schlag: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch!“ Auch am Bahnhof Friedrichstraße.

Die zweite Reminiszenz gilt meiner Soldatenzeit:

Der Anschlag vom 20. Juli 1944 war mit allen tragischen Folgen gescheitert. Besonders alle Menschen, die in irgendeiner Beziehung zum Widerstand gegen Hitler gestanden hatten oder standen, mussten befürchten, denunziert und verhaftet zu werden. Mein eigener Patenonkel Ulrich von Hassell, hoch angesehener deutscher Diplomat, gehörte zu den mutigen Bekennern, die ihr Leben lassen mussten.

Einige Wochen später gab ich in der Garnisonstadt Neuruppin, in der ich meinen Militärdienst zu erfüllen hatte, ein Orgelkonzert für die Mitglieder des Panzerregimentes V. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Konzert sprach mich zu meinem Erstaunen auch der am wenigsten beliebte Ausbilder meines Offizierslehrganges an. Er verband mit seiner Gratulation die Frage, ob ich bereit sei, mit ihm den halbstündigen Weg zur Kaserne zurückzulegen. Dabei bekannte er in überraschender Offenheit, dass er selbst Gegner Hitlers sei und Verbindung zur Widerstandsbewegung hätte. Um seine Bedenken zu zerstreuen, erwiderte ich, dass ich aus einem Elternhaus mit der gleichen Einstellung stammte und wir offen miteinander reden könnten. Das Gespräch verlief mit einem Schlag freundschaftlich; eine erneute Erfahrung in gefährlicher Soldatenzeit: „Machet die Tore weit!“ Die Musik hatte eine Brücke gebaut.

Vier Wochen später hörten wir in unserer Kompanie, dass der Ausbilder verhaftet worden war und in einem Kriegsgerichtsverfahren wegen Zugehörigkeit zur Widerstandsbewegung angeklagt wurde. Da erreichte mich über den Feldpostdienst der Befehl aus der Kaserne, ich möge sofort zum NSFO (Nationalsozialistischen Führungsoffizier) kommen. Mit großer Beklemmung folgte ich diesem Befehl, da ich annehmen musste, von meinem früheren Ausbilder bei seiner Vernehmung verraten worden zu sein.

Doch der NSFO fragte nur: „Kameke, ich habe Sie kommen lassen, weil ich Sie fragen will, ob Sie bereit sind, am 30. Januar, dem Gedenktag der Machtergreifung, einen Männerchor aus unserer Abteilung zusammenzustellen.“ Natürlich konnte der NSFO nicht ahnen, weshalb ich mit Erleichterung diesem Vorschlag zustimmte. – Bis heute bin ich meinem Gesprächspartner und Ausbilder dankbar, dass er mich nicht verraten hat.




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