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Lena: Mit Pferden zurück ins Leben

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erstellt am 13.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Kiel | Lena Bickmeier ist eine Pferdenärrin. Sie reitet ein eigenes Pony, das an ihrem Elternhaus steht, und noch das Pony einer Freundin. Heute sitzt sie angespannt auf einem Klappstuhl in der Kieler Sparkassenarena, gleich wird vor ihren Augen die große Pferdeshow "Apassionata" beginnen. Lena ist heute Ehrengast, denn Pferde haben ihr geholfen, ins Leben zurückzufinden.

Das neunjährige Mädchen aus Blunk im Kreis Segeberg trägt Handschuhe, ihr Kinn ruht in einer Plastikschale. Unter ihrer Jeans und ihrem T-Shirt trägt sie Kompressionswäsche, nachts bedeckt eine Maske ihr Gesicht. Das alles dient dazu, dass ihre Haut weich bleibt, nicht vernarbt und sich zusammenzieht.

Vor anderthalb Jahren erlitt Lena einen schrecklichen Unfall: Beim Krippenspiel in der Kirche fing ihr Kostüm Feuer. Zwei Wochen lang lag sie im Koma, die Ärzte konnten den Eltern nicht sagen, ob ihre Tochter die Verletzungen überleben würde. Aber schon drei Monate später saß Lena wieder auf ihrem Pony.

"So entspannt und fröhlich, wie wir hier herumlaufen, ist der Alltag nicht", sagt Lenas Vater Ralph Bickmeier (55). Aber heute ist nicht Alltag, heute erleben sie schöne Pferde, die fantastische Kunststücke vorführen. Es ist der erste große Familienausflug seit dem Unfall; Lenas Schwester Hanna, 15, ihre Mutter Gilla, 46, und Ralph bekommen eine Führung durch den Stall, dürfen alle Pferde streicheln. Ganz selbstverständlich geht Lena zu den großen Tieren, krault Nasen und lässt sich ungerührt von einem massigen Bretonen-Hengst anstupsen. Sie hört aufmerksam zu, nimmt die vielen Eindrücke in sich auf und hat scheinbar gar nicht das Bedürfnis, ihre Anspannung durch Plappern oder Erzählen abzubauen. Dass sie sehr aufgeregt ist, bevor die Show beginnt, erzählt sie erst auf Nachfrage und dann sehr kurz.

Für ihr Alter wirkt die Drittklässlerin ernst. Drei Monate lang ging sie nicht zur Schule, danach ein halbes Jahr lang unregelmäßig; trotzdem holte sie den versäumten Unterrichtsstoff nach. Die Ärzte hatten der Familie prophezeit, dass Lenas linker Arm und die Hand steif bleiben würden. Aber Lena nahm den Kampf auf und gewann ihn: Auf dem Pferderücken baute sie ihre Kondition wieder auf, das Reiten erhält ihre Beweglichkeit. Gleichzeitig werden die Beine massiert, das ist gut für die Haut und drückt das Narbengewebe weg: "Man sieht es abends, ob sie geritten ist", erzählt Gilla Bickmeier. Sie hat mit Lenas Betreuung jetzt einen Fulltime-Job, ihr Mann verdient das Geld für die Familie und den Resthof mit drei Pferden in Hamburg in der IT-Branche.

"Der Umgang wird alltäglich, aber man kann damit nicht abschließen", beschreibt Lenas große Schwester Hanna das Familienleben. "Dass Lena laufen, schwimmen, tanzen kann, ist ein Wunder", sagt Ralph Bickmeier. Er weiß, dass ihnen noch schwere Zeiten bevorstehen: Lena wird wachsen, aber die vernarbte Haut nicht wie eine natürliche mitwachsen können, ihr stehen weitere Operationen bevor.

Dass Bickmeiers einen Abend lang ihre Sorgen vergessen können, verdanken sie Bernd Schulz-Christen. "Schulle" ist Polizist in Bad Segeberg, er sammelt Spenden für verschiedene Projekte und bot auch Bickmeiers seine Hilfe an. Homöopathische Behandlung, Fahrkosten, viele Kleinigkeiten - Spenden können Bickmeiers immer noch gut gebrauchen. Schulz-Christen nahm auch Kontakt zur Apassionata auf, und die Veranstalter sagten sofort zu, Lena einzuladen.

Bevor die Familie in die Sparkassenarena kam, haben sich Bickmeiers die aktuelle Apassionata-Show "Freunde für immer" als Film zu Hause angesehen. Lena wollte hin, aber die Familie sagte lieber Bescheid, dass sie Plätze weiter hinten braucht: Beim Finale regnen Funken auf die Arena. "Es gehen keine Kerzen, es geht kein Weihnachtslied", erklärt Gilla Bickmeier: Das erinnert zu sehr an den Unfall. Heiligabend 2012, am Jahrestag von Lenas Unfall, waren sie verreist.

Aber diesmal geht es gut: Als die Funken aus der Höhe stürzen, birgt Lena ihr Gesicht an der Schulter ihres Vaters. Danach ist alles wieder gut, sie applaudiert den Pferden und Reitern leidenschaftlich. Wie ihr die Show gefallen hat? "Gut." Mochte sie einen Teil besonders gern? "Nö, nix Besonderes", antwortet Lena. Tough ist die Neunjährige; das muss sie wohl auch sein.

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