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Lebenslang für eine grausame Mutter

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Landgericht lässt keinen Zweifel an der Schuld der Eltern der zu Tode gequälten Yagmur / Anklagende Worte gehen auch an die Behörden

shz.de von
erstellt am 25.Nov.2014 | 12:36 Uhr

Es waren schmerzliche zweieinhalb Stunden zum Abschluss des Prozesses um den gewaltsamen Tod der dreijährigen Yagmur. In allen erschreckenden Einzelheiten schilderte der Vorsitzende Richter des Hamburger Landgerichts nochmals das Martyrium des kleinen Mädchens, das am 18. Dezember vorigen Jahres von ihrer Mutter zu Tode geprügelt worden war.

Wegen Mordes erhielt Melek Y. (27) erwartungsgemäß eine lebenslange Haftstrafe, so hat es die Schwurgerichtskammer nach 29 Verhandlungstagen entschieden. „Sie haben ihre Tochter auf grausame, gefühllose und unbarmherzige Weise getötet“, sagte Richter Joachim Bülter. Anders als von der Staatsanwaltschaft beantragt, sah das Gericht jedoch davon ab, auf eine besondere Schwere der Schuld zu erkennen. Die 27-Jährige könnte damit nach 15 Jahren vorzeitig freikommen.

Vater Hüseyin Y. (27) muss für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Er ist schuldig, seine Tochter nicht vor den monatelangen brutalen Angriffen der Mutter gerettet zu haben, obwohl er wusste, dass sich Yagmur in Lebensgefahr befand. Juristisch ausgedrückt lautet sein Vergehen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen. Hüseyin Y. sah den Qualen seiner Tochter nur zu, meist schaute er weg und unternahm allenfalls zaghafte Versuche, die Katastrophe zu verhindern. Bülter: „Sie haben das Prinzip Hoffnung walten lassen, wo entschlossenes Handeln notwendig gewesen wäre.“ Die angeklagten Eltern hatten im Prozess geschwiegen, sich in den vorangegangenen Vernehmungen aber gegenseitig beschuldigt, Yagmur getötet zu haben.

Die Bezichtigung des Ehemanns sei dabei eine reine Schutzbehauptung von Melek Y. gewesen, so die Kammer. Die Schuld der Mutter sei durch diverse Indizien, Aussagen von Zeugen, medizinische Gutachten sowie eigene Handy-Mitteilungen erwiesen. Spätestens im Frühjahr 2012 habe sie begonnen, ihre damals anderthalbjährige Tochter regelmäßig zu schlagen, zu boxen, zu treten und zu kneifen. Die Angriffe der „hochaggressiven“ Mutter hätten sich immer weiter gesteigert, bis Yagmurs Organismus schließlich unter den Misshandlungen zusammengebrochen sei.

Nach dem Tod des Mädchens zählten Rechtsmediziner am geschundenen Körper 83 Hämatome, Beulen, innere Blutungen, Schürfwunden, Würgemale sowie Narben von brennenden Zigaretten. Einige der Verletzungen beschrieb der Vorsitzende Richter nochmals mit fürchterlicher Präzision, bis hin zu den Farbschattierungen der geprügelten Körperpartien. Mehrfach stöhnten Zuschauer auf den voll besetzten Besucherplätzen auf, manche weinten.

Die Angeklagte ließ derweil nicht die kleinste Rührung erkennen. Den Kopf auf die rechte Hand gestützt, den Blick nach unten gerichtet hörte sie wie erstarrt zu – geschlagene zweieinhalb Stunden lang. Auch Ehemann Hüseyin Y. zeigte keine Reaktion.

Melek Y. habe eine emotionale Bindungsstörung gegenüber ihre Tochter empfunden, so der Richter zum Motiv. Daraus sei im Laufe der Zeit Wut, ja Hass geworden. „Sie haben ihre Tochter verantwortlich gemacht für alles Schreckliche in ihrem Leben und das, was ihnen vorenthalten geblieben ist.“ Die Ehe sei völlig zerrüttet gewesen, Hüseyin Y. habe die sexuellen Ansprüche seiner Frau nicht erfüllen können. Sie betrog ihn schließlich mit einem Bekannten. Wenige Wochen vor Yagmurs Tod hatte ihr Vater angekündigt, sich scheiden zu lassen.

Aus Wut und Verärgerung habe die Mutter daraufhin ihre Attacken auf das Mädchen nochmals gesteigert. Der Richter: „In den letzten zwei Wochen vor ihrem Tod gab es keinen Tag, an dem Yagmur nicht unter starken Schmerzen und psychischen Qualen gelitten hat.“

Anklagende Worte fand Bülter auch für die Jugendämter, in deren Obhut Yagmur sich seit ihrer Geburt befand. Es habe „etliche Versäumnisse, Fehleinschätzungen, Fehlentscheidungen und Kommunikationsmängel“ in den Behörden gegeben. Das Mädchen war vier Monate vor ihren Tod vom Jugendamt an die Eltern zurückgegeben worden, obwohl bereits dringender Verdacht auf Misshandlung bestand.

Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss arbeitet das Verhalten der Ämter derzeit auf. SPD und Opposition streiten über die Frage, ob individuelle Fehler einzelner Mitarbeiter oder Systemversagen vorliegt, etwa durch fehlende Kontrollen und Personalmangel. Seinen Abschlussbericht will der Ausschuss am 18. Dezember vorlegen – an Yagmurs erstem Todestag.

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