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Polizei meist machtlos : Kriminelle tarnen sich mit Kurzzeit-Kennzeichen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Kriminelle Banden haben eine neue Masche entdeckt: Sie montieren Kurzzeit-Kennzeichen, die auf den Namen eines Strohmannes laufen, an Fluchtfahrzeuge. Die Suche nach den Tätern wird für Ermittler nahezu unmöglich.

Kiel | Sie sind eigentlich für Probe- oder Überführungsfahrten gedacht, die Kurzzeit-Kennzeichen. Doch ihre Vorzüge haben längst auch kriminelle Banden durchschaut, und diese neue Masche macht es für die Ermittlungsbehörden nahezu unmöglich, die Täter zu schnappen. Ihre Taktik: Eine Kontaktperson, das kann ein Strohmann oder Familienmitglied sein, beantragt ein Kurzzeit-Kennzeichen und gibt es gegen Geld an den oder die Kriminellen weiter, die es für ihre geplanten Taten an ein Fluchtfahrzeug montieren.

Das Problem der Ermittler: Im Gegensatz zu normalen Kennzeichen ist hier weder der Halter noch der Fahrzeugtyp registriert, sondern lediglich der Antragsteller. Die Spur führt ins Nichts, denn: „Der Antragsteller erzählt uns dann eine wilde Geschichte, dass sein Freund das Auto nur habe heimfahren wollen oder er von nichts weiß“, sagt Wilfried Haensch, Leiter der zentralen Kriminaldirektion in Harburg. Oft haben die Täter keine Aufenthaltserlaubnis, kommen für die geplanten Taten bei Familienmitgliedern unter und verschwinden dann wieder ins Ausland.

In Polen, unweit der deutschen Grenze, floriere geradezu ein Geschäft mit deutschen Kurzzeit-Kennzeichen, weiß Verena Kalus vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. Heraus kam das bei Ermittlungen gegen eine polnische Bande, die hier im Land auf Beutetour war. „Die Ermittler landeten immer wieder bei ein und derselben Frau, dachten dies sei ein Ansatzpunkt, vielleicht die Halterin“, sagt Kalus. Doch dann kam heraus: „Sie war lediglich Angestellte in einem der Kioske und hatte mit den Leuten nichts zu tun.“

Längst sei die Masche nicht mehr nur bei Einbruchsbanden „in“. „Das Phänomen zieht sich durch alle Deliktsbereiche“, weiß die LKA-Sprecherin. Oft würden diese Kennzeichen für gar nicht zugelassene Fahrzeuge oder Wagen mit ausländischen Kennzeichen verwendet, damit sie hier nicht auffallen.

Die Kennzeichen, zu haben ab 13 Euro, sind bis zu fünf Tage gültig und können binnen dieser Zeit an verschiedenen Fahrzeugen montiert werden. Der Antragsteller hat bei Weitergabe an Verbrecher derzeit lediglich ein Ordnungswidrigkeitsverfahren mit geringem Bußgeld (etwa 50 Euro) zu fürchten. Denn bei Kurzzeit-Kennzeichen handelt es sich nicht wie bei einem Kennzeichen um eine Urkunde. Die Weitergabe ist somit keine Urkundenfälschung. „Das Bußgeld ist so gering, das hält nicht von Wiederholungstaten ab“, weiß Haensch. Er fordert von der Politik, dass auch bei Kurzzeit-Kennzeichen registriert wird, wer welches Fahrzeug fahren darf.

In Schleswig-Holstein sind die Ermittler noch auf ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang gestoßen: „Es gibt Zulassungsdienste im Internet, bei denen Sie die Kennzeichen bekommen, ohne sich legitimieren zu müssen“, erklärt Kalus. Bei Abfragen nach einer Straftat komme dann nur der Zulassungsdienst als Ermittlungsergebnis heraus und ob der dann die oft falschen Personalien noch gespeichert habe, sei fraglich. „Es erschwert unsere Arbeit erheblich“, sagt Wilfried Haensch. Er und seine Kollegen hatten Glück, sie fanden ein mit Kurzzeit-Kennzeichen genutztes Fahrzeug und konnten so einige der im dreistelligen Bereich liegenden Straftaten der Bande nachweisen.

Eine Zahl der nicht zu Ende ermittelten Fälle wegen der Verwendung von Kurzzeit-Kennzeichen gibt es beim LKA nicht, darüber werde keine Statistik erhoben. Das Problem bei der geforderten Politik ist die Interessenlage: Denn es gebe immer noch genügend Menschen, die froh sind, wenn ihr Auto in Deutschland gekauft und beispielsweise dank Kurzzeit-Kennzeichen vom Käufer relativ einfach nach Polen oder in ein anderes angrenzendes EU-Land exportiert werden kann.

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erstellt am 22.01.2014 | 06:30 Uhr

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