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Knochenjob im Schutzanzug

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bundeswehr und Rotes Kreuz bereiten freiwillige Helfer auf ihren Afrika-Einsatz gegen die Ebola-Seuche vor – Ein Einblick in das Training

von
erstellt am 23.Okt.2014 | 20:06 Uhr

„Ja, natürlich habe ich auch Angst“, sagt sie. Dr. Claudia F. – „bitte nennen Sie nicht meinen vollen Namen“ – steht in einer Übungshalle der Marseille-Kaserne in Appen, um sie herum Menschen in Schutzanzügen. Die junge Ärztin in Uniform macht gute Miene zum Medienrummel. Zu Hunderten sind Presseleute aus ganz Deutschland angereist, um die Freiwilligen zu sehen, die hier für den Ebola-Einsatz ausgebildet werden. Fünf Tage dauert der Intensivkursus, dann geht es nach Monrovia. Wann es soweit ist, weiß die 36-Jährige nicht. „Darüber entscheidet der Dienstherr.“

Überwältigt sei sie vom Ausmaß menschlichen Elends, das sie sehe, sagt sie, und dass sie als Tropenmedizinerin für Fälle wie diese ausgebildet worden sei. „Insofern kann ich vielleicht ein bisschen professioneller mit meinen Gefühlen umgehen“ – wenn es ums Leiden und Sterben geht und um die Sorge, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Gedanken wie diese bewegen hier jeden.

Keiner der 33 Lehrgangsteilnehmer – Soldaten wie zivile Bundeswehrangehörige – geht sorglos mit der Situation um. „Das wäre verantwortungslos“, findet Brigadegeneral Michael Traut, für die aktuell vier geplanten Fortbildungen in Appen (Kreis Pinneberg) verantwortlich. Er berichtet von dem sorgfältigen Auswahlverfahren, das sämtliche Bewerber hinter sich gebracht haben. Medizinisches Personal ist dabei, Handwerker, Ingenieure, sonstige Helfer, alles Menschen, die über notwendige Qualifikationen, körperliche Fitness und Nervenstärke verfügen. „Es braucht viele Kompetenzen, um in einem fremden Land unter für uns fremden klimatischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen eine funktionierende Isolierstation aufzubauen.“ Ein Projekt, dem sich Deutsches Rotes Kreuz (DRK) und Bundeswehr gemeinsam angenommen haben. In Monrovia richten sie ein „Ebola Treatment Center“ ein. Dabei unterstellen sich die Soldaten dem Befehl des DRK. Eine bisher einmalige Zusammenarbeit sei das. Traut und Dirk Kamm vom DRK-Katastrophenmanagement lächeln sich an. Die Chemie scheint zu stimmen.

Das ist wohl angesichts der gewaltigen Aufgabe auch wichtig: Rund 300 Personen brauche es, um eine Isolierstation mit 100 Betten nach Maßgabe der Weltgesundheitsorganisation zu betreiben, alle vier bis fünf Wochen müsse Personal ausgewechselt werden, körperlich wie psychisch sei dann zumeist die Belastungsgrenze erreicht. „Dabei versuchen wir nur zehn Prozent ausländische Helfer und 90 Prozent einheimische Hilfskräfte einzusetzen“, erläutert Kamm. Das diene der Akzeptanz und dem übergeordneten Ziel, das liberianische Gesundheitssystem wieder unabhängig zu machen.

Wie es mit dem Schutz der Helfer sei, will ein Reporter wissen. „Wird Personal, das sich angesteckt hat, nach Deutschland geflogen?“ Jetzt übernimmt Brigadegeneral Traut energisch das Mikrofon: „Zum Start des Projektes steht unsere Sicherheitskette“, sagt er.

Michael P. (42 Jahre alt, elf Auslandseinsätze und Familienvater) stellt sachlich fest: „Tod und Sterben gehört zu unserem Arbeitsfeld dazu.“ Er fühle sich unterstützt. Bei jedem Einsatz werde eine psychologische Begleitung angeboten, die Ausrüstung sei gut. Allein die stundenlange Arbeit in einem Schutzanzug, in dem man kaum etwas trinken könne – „was rein muss, muss ja auch wieder raus“ – und in dem unter drei Paar Gummihandschuhen einfache Aufgaben wie ein Pflaster aufzukleben zur Anstrengung werden, sei erschöpfend. „Und gerade wenn Du Dich ausziehst, wird es gefährlich.“ Deshalb wird jeder einzelne Schritt von einer desinfizierenden Chlordusche begleitet – „Das machst Du am Ende ganz automatisch“, berichtet der Fachkrankenpfleger für Tropenmedizin am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut. Und dann fahre er ins Hotelzimmer und schreibe den täglichen Eintrag ins Internet-Tagebuch seiner Familie. „Damit alle wissen, wie es mir geht.“

Die Sorge schwingt mit. „Respekt“, sagt Michael, „Respekt habe ich vor unserer Aufgabe. Keine Angst.“


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