zur Navigation springen

Kinderschutz: Eine Frage der Zuständigkeit

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Untersuchung im Fall der toten Yagmur: Ausschuss-Mitglieder sind nach Befragung der Ermittler fassungslos

Bereits ein Jahr vor dem gewaltsamen Tod der kleinen Yagmur standen ihre Eltern im Verdacht der Kindesmisshandlung. Doch die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. Sechs Wochen später starb das Kind. „Rückblickend wüsste ich nicht, was ich hätte anders machen können“, so Staatsanwältin Christiane Wüllner gestern vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft. Die 54-Jährige war es, die damals gegen die Eltern ermittelte. In der fast vier Stunden dauernden Befragung wehrte sie sich nach Kräften gegen den Vorwurf, sie hätte die Tat verhindern können, hätte sie andere Entscheidungen getroffen und mehr hinterfragt.

Das dreijährige Mädchen war kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres nach schweren Misshandlungen an inneren Blutungen gestorben – obwohl sie seit ihrer Geburt unter Obhut verschiedener Jugendämter stand.

Zunächst galt ihr Vater als Haupttäter. Vergangene Woche erhob die Staatsanwaltschaft jedoch Anklage gegen Yagmurs Mutter. Sie soll ihre Tochter über Monate hinweg geschlagen haben. So schwer, dass sie mehrfach ins Krankenhaus musste. Nachdem sie wegen lebensgefährlicher Kopf- und Bauchverletzungen operiert werden musste, erstattete der Rechtsmediziner Klaus Püschel Anzeige. Dennoch kam Yagmur wieder zurück zu ihren leiblichen Eltern.

„Es gab keine Beweismittel, keine Grundlage, auf der man diesen Personen eine Täterschaft hätte nachweisen können“, rechtfertigte sich die Staatsanwältin Christiane Wüllner. Immer wieder verwies sie bei ihrer Befragung vor dem Untersuchungsausschuss auf die Verantwortung des Jugendamtes. „Meine Aufgabe als Staatsanwältin ist es, Straftaten in der Vergangenheit zu ermitteln. Zu entscheiden, wo das Kind in Gefahr ist und wo es am besten Leben sollte, ist ureigene Aufgabe des Jugendamtes.“ Juristisch hätte die Rückführung nicht verhindert werden können. Wüllner kritisierte die mangelnde Kooperation mit dem Eimsbütteler Jugendamt. Es sei nicht möglich gewesen, nähere Informationen aus der Akte Yagmur zu erhalten.

Auch der ermittelnde Polizist Harald Thomas wies die Verantwortung von sich. „Die Staatsanwaltschaft war Herrin des Ermittlungsverfahrens“, sagte er als Zeuge vor dem Ausschuss aus. Viele Fragen haben sich ihm damals nicht gestellt oder er habe Zusammenhänge nicht gesehen, wie beispielsweise, dass Yagmur bereits zweimal ins Krankenhaus musste, nachdem sie bei ihren leiblichen Eltern zu Besuch war. Er verwies darauf, dass es schließlich nicht der einzige Fall gewesen sei, um den er sich hatte kümmern müssen. „Wenn ich jedem Gedankenspiel nachgehen würde, säße ich weit länger als acht Stunden täglich dort.“

„Das lag nicht in meinem Zuständigkeitsbereich“ oder „das war nicht meine Aufgabe“ waren die häufigsten Sätze, die der Untersuchungsausschuss in seiner letzten Sitzung zu hören bekam und die immer wieder für fassungsloses Kopfschütteln sorgten. Zum Kinderschutz gehört Zusammenarbeit und nicht das verweisen auf Zuständigkeiten anderer“, empörte sich SPD-Obfrau Melanie Leonhardt.

Für Unverständnis im Ausschuss sorgte, dass die leibliche Mutter trotz zweimaliger polizeilicher Ladung nicht erschienen und somit nie zu den Verletzungen ihrer Tochter befragt worden war. „Die Beschuldigung bleibt weiter im Raum und juristisch tut man dann nichts?“ zeigte sich Grünen-Obfrau Christiane Blömeke verständnislos. Wüllner: „Heute ist das alles sonnenklar – aber damals eben nicht.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen