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Kieler Anwalt im NSU-Prozess

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erstellt am 13.Mai.2013 | 01:14 Uhr

München/Köln/Kiel | Wenn am morgigen Dienstag der NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht weitergeht, sitzt auch ein Schleswig-Holsteiner im Gerichtssaal, der Einfluss auf das Geschehen nehmen kann. Der Kieler Rechtsanwalt Alexander Hoffmann vertritt eine von mehr als 70 Nebenklägern in dem Verfahren gegen Beate Zschäpe sowie vier mutmaßliche Unterstützer. Hoffmanns Mandantin lebt nur 25 Meter Luftlinie von dem Haus in der Kölner Keupstraße entfernt, in dem im Juni 2004 die dem NSU-Trio zur Last gelegte Nagelbombe explodierte - nur einer der vielen Punkte in der 488-seitigen Anklageschrift.

"Als Ergebnis des Schocks hatte meine Mandantin eine Frühgeburt. Sie leidet bis heute unter Angstzuständen und hat die Vorgänge nicht aufarbeiten können", sagt Hoffmann. Angesichts der geringen Entfernung zum Explosionsort und offener Fenster zum Tatzeitpunkt um 16 Uhr spricht der Jurist von "versuchtem Mord".

Hoffmann ist auf Straf- und Presserecht spezialisiert. Auch wenn zwischen Kiel und dem Tatort mehr als 500 Kilometer liegen, so schildert es der Schleswig-Holsteiner als naheliegend, dass er die Enddreißigerin aus Köln vertritt. Hoffmann engagiert sich seit seiner Jugend als Antifaschist, hat sich in 15 Berufsjahren bundesweit einen Namen als Anwalt von Opfern rechter Gewalt gemacht.

Was auch der Grund ist, weshalb er es ablehnt, sich für Zeitungen fotografieren zu lassen. Davor steht seine Sorge, dass die rechte Szene mit seinem Konterfei Schindluder treibt.

Nach dem Anschlag war Hoffmann öfter in Köln, trat bei Veranstaltungen auf. Eine zentrale Rolle spielt die Interessengemeinschaft Keupstraße, ein Verbund von meist türkischstämmigen Ladenbesitzern und anderen Personen. Für sie ist Hoffmann als Berater tätig.

Schon mehrere Wochen vor Prozessbeginn reiste das Nordlicht eigens in die bayerische Landeshauptstadt, um Einsicht in Prozessakten zu nehmen, die das OLG nur innerhalb seiner eigenen Mauern zur Verfügung stellt. Dass der Vorsitzende Richter wegen zweier Befangenheitsanträge gegen sich den Prozess gleich um eine komplette Woche vertagt hat, regt Hoffmann auf. Die Beratung und Entscheidung darüber hätten seiner Ansicht nach in knapp anderthalb Tagen bewältigt werden können.

Für die drei Verhandlungstage in dieser Woche erwartet der Kieler, dass es "zäh weitergehen wird". Bis zu einem ersten größeren Beweisantrag, der Licht ins Dunkel des NSU-Trios bringen kann, sieht Hoffmann mindestens drei Monate vergehen.

Wie er entweder allein oder mit den 50 weiteren Anwälten von Nebenklägern konkret in den Prozessverlauf eingreifen will, kann sich nur kurzfristig auf Grund der Verhandlungsführung durch das Gericht entscheiden. Er befürchtet, dass der Vorsitzende Richter mit seinen bisherigen formalistischen Tendenzen "die Brücke zu den Nebenklägern abzuschlagen droht".

"Fatal" fände Hoffmann das, weil er die Nebenkläger als wichtige Mittler sieht, um bei Betroffenen das Vertrauen in den Staatsapparat wiederherzustellen. Prognosen für den NSU-Prozess hält er "angesichts von 600 potenziellen Zeugen" für unmöglich. Der Nebenkläger tippt auf eine Verfahrensdauer von mindestens anderthalb Jahren.

Hoffmann ist daran gelegen, dass das Verfahren über die Klärung der Schuld der Angeklagten hinausgeht. Genauso möchte er durch das Jahrhundert-Strafverfahren in Erfahrung bringen: " War es das jetzt - oder ist der NSU größer, gibt es Anhaltspunkte für weitere Prozesse?" Der Jurist verspricht sich Erkenntnisse über Behördenversagen und Verstrickung von V-Leuten und über die für ihn naheliegende Mitwirkung eines größeren Unterstützerkreises. Auf mehr als 100 Personen schätzt er die Zahl derer, die dem Trio mit Telefonkarten, Führerscheinen, Unterkunft, Geld und anderem geholfen haben.

An eine vorbeugende Wirkung, dass Behörden auf dem rechten Auge weniger blind werden, glaubt Schleswig-Holsteins Mann in München nur bedingt. "Ich habe Zweifel, dass eine Sensibilisierung in den Polizeiapparat wirkt. Ich denke, da hofft man zuviel."

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