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Pflege-Einrichtungen in SH : Kein Platz für geistig behinderte Senioren

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Plötzlich Rentner - und dann? Diese Frage ist für Menschen mit Behinderung besonders schwierig. Immer mehr Menschen mit Behinderung werden pflegebedürftig. In Schleswig-Holstein hapert es an der Pflege.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2014 | 15:15 Uhr

Kiel | Immer mehr Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Behinderungen erreichen im Norden das Seniorenalter. Nach Angaben der Koordinierungsstelle soziale Hilfen der Kreise in Schleswig-Holstein nahm die Zahl der über 60-jährigen Menschen mit Behinderung, die Leistungen zum Wohnen erhielten, in Schleswig-Holstein allein im Zeitraum von 2010 bis 2012 um 231 auf 1918 zu – ein Anstieg um rund 14 Prozent. Laut einer Umfrage unter 13 Einrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands bedürfen dort derzeit von 716 Menschen mit geistigen Behinderungen 210 der Pflege. „Wir rechnen in den kommenden fünf bis zehn Jahren mit einem Anstieg des Anteils der Pflegebedürftigen um 20 Prozent“, sagt Sprecher Jan Dreckmann. Das sei ganz klar überwiegend bedingt durch eine neu entstehende Generation von Senioren.

Fakt ist: Während der Nazi-Diktatur wurden viele Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen systematisch im Rahmen des sogenannten Euthanasie-Programms ermordet. „Seit Kriegsende entsteht so in Deutschland eine Gruppe von Behinderten, die es zuvor nicht gab“, heißt es lapidar in einer Erklärung des Kieler Sozialministeriums. Die jetzige Situation führe „zum Entstehen neuer Unterstützungsbedarfe“. Zudem ermögliche der medizinische Fortschritt Menschen mit Behinderungen, ein Höchstalter zu erreichen, das dem von Menschen ohne Behinderungen gleicht.

„Wenn diese Menschen, die zumeist in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten, in den Ruhestand gehen, dann fallen die Sozialkontakte, die sie während ihres Lebens in den Werkstätten haben, plötzlich weg“, sagt Bärbel Brüning, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Schleswig-Holstein. „Die fallen in ein Loch.“ Deren Unterbringung in regulären Pflegeheimen sei keine Lösung. Im Unterschied zu Senioren mit Pflegebedarf bräuchten Menschen mit geistigen Behinderungen im Alter neben eventuell anfallender Pflege eine persönliche pädagogische Betreuung, eine Tagesstruktur sei notwendig. „Und so etwas gibt es in normalen Pflegeheimen nicht. Die sind nicht auf die Bedürfnisse der Behinderten eingestellt.“ Es herrsche im Land eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit dem Thema. Die allgemeine Diskussion über die Pflege sei im Gange, so Brüning, aber an die Menschen mit Behinderung habe man dabei nicht gedacht. „Wir sind nicht vorbereitet darauf.“ Es gebe im Land zwar an vielen Stellen Träger und Einrichtungen, die individuelle Konzepte entwickelt hätten. Man brauche aber ein Gesamtkonzept und müsse klären, woher das Geld dafür kommt. Hier sei die Politik gefordert.

Ein Beispiel für die Pflege von Senioren mit geistiger Behinderung ist der Erlenhof in Aukrug im Kreis Rendsburg-Eckernförde. 122 Menschen wohnen auf dem Gelände, 270 Beschäftigte arbeiten in den Werkstätten der vom Landesverein für innere Mission Schleswig-Holstein betrieben Einrichtung.  „Bei uns befinden sich zwölf Menschen im Ruhestand“, sagt Volker Zimmermann, Leiter des Erlenhofs. „Und die wollen natürlich in ihrem Zuhause bleiben.“

2007 hat der Erlenhof eine eigene Pflegeeinrichtung aufgemacht, Hintergrund waren eigene Erfahrungen mit konventionellen Pflegeeinrichtungen: „Wir hatten Menschen, die ins Altenheim gekommen sind. Aber die wollten unbedingt wieder zurück, und unsere Leute hier haben sie auch ständig dort besucht“, so Zimmermann. 40 Plätze hat der eigens eingerichtete Wohnkomplex, der als Pflegeeinrichtung anerkannt ist. „Wir haben hier eine Lücke geschlossen“, sagt Zimmermann, „denn diese Menschen hätten sonst kein Zuhause mehr.“ Es gelte nicht einfach nur den Alltag zu bewältigen. „Die Frage ist doch, was ein Mensch braucht, um  ein schönes Leben zu haben?“

Wichtiger Teil des Konzepts: Im neu geschaffenen Wohnkomplex leben neben 30 Menschen mit Behinderungen auch zehn Senioren aus dem Ort. „Das ist ein tolles Modell, das Miteinander in der Einrichtung funktioniert hervorragend“, so Zimmermann. Menschen mit Behinderungen hätten zumeist keine Kinder, doch durch die nicht behinderten Bewohner kämen sehr viele Angehörige aller Altersgruppen ins Haus. Die kümmerten sich dann auch um die Bewohner mit Behinderungen – und umgekehrt. „Wir essen zusammen, feiern zusammen, verbringen Freizeit zusammen, gestalten das Leben zusammen. Wir wollen keine Insel sein.“

Zimmermann spricht von einem großen Andrang – so groß, dass viele Anfragen nicht erfüllt werden können. Eine zweite Einrichtung des Landesvereins für innere Mission ist der Eiderhof in Flintbek bei Kiel. Hier arbeiten 290 Beschäftigte, 117 Menschen wohnen vor Ort, 40 Menschen sind im Seniorenalter. Auch hier sieht man sich auf dem Weg zu einer anerkannten Pflegeeinrichtung. „Das ambulant betreute Wohnen wird dabei allgemein klar favorisiert“, sagt Zimmermann. „140 Menschen jeder Altersgruppe wohnen in ihrem eigenen Zuhause im Mietverhältnis und werden ambulant betreut.“

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