Kassen: Ärzte verschreiben zu oft neue Medikamente

Margret Kiosz von
03. Juni 2014, 13:35 Uhr

Neue Besen kehren gut – das gilt offenbar auch in der Gesundheitsbranche. Viele Ärzte setzen auf Medikamente, die neu auf den Markt kommen, obwohl das nicht nur für den Geldbeutel der Beitragszahler Risiken birgt, sondern auch für die Sicherheit der Patienten. Das zumindest ist das Fazit des Innovationsreport 2014, den Wissenschaftler der Universität Bremen mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse (TK) erstellt haben. Demnach verschreiben Ärzte in Schleswig-Holstein besonders häufig Pillen und Tropfen, die in der Gesamtschau nicht als therapeutischer Fortschritt eingestuft werden. „Die im Report 2014 betrachteten Wirkstoffe verursachten 2013 in Schleswig-Holstein allein bei der Techniker Krankenkasse Kosten in Höhe von fast 3,2 Millionen Euro – bundesweit sogar über 96 Millionen Euro“, kritisierte Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein gestern in Kiel. Die Kasse habe fast eine viertel Million Euro (bundesweit 4,6 Millionen Euro) für Arzneimittel ausgegeben, die in der Gesamtbetrachtung als nicht wirklich innovativ eingeschätzt wurden. 20 neue Wirkstoffe sind für den Report untersucht worden. Nur drei davon wurden als therapeutische Innovation eingestuft. Andererseits haben Hersteller im Nachhinein für acht der 17 übrigen „Neuheiten“ Risiko-Warnhinweise verschickt.

Daraus lässt sich für Brunkhorst ableiten, „dass eine einmalige Bewertung neuer Arzneimittel zu kurz greift. Was wir brauchen, sind weitere Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag, um den tatsächlichen Nutzen neuer Medikamente besser einschätzen zu können“. So werde beispielsweise der Blutverdünnungs-Wirkstoff Ticagrelor noch immer bei jedem dritten Patienten falsch eingesetzt. „Das heißt, das Medikament wird verordnet, obwohl für die zu behandelnde Krankheit kein Zusatznutzen nachgewiesen werden konnte“. An dieser Verordnungspraxis habe sich nicht viel geändert, kritisiert Brunckhorst.

Zu einem ähnlichen Ergebnis war vor Wochenfrist bereits die Barmer GEK Krankenkasse gekommen. Sie beklagte, dass 20 bis 30 Prozent der Kassenausgaben auf sogenannte Scheininnovationen entfallen. Die Medikamente seien überflüssig, teuer und hätten für die Patienten keinen Mehrwert. Würden stattdessen preisgünstige Nachahmerpräparate verwendet, ließen sich nicht nur drei bis vier Milliarden Euro sparen. Auch Risiken könnte vermindert werden. Als Beispiel führt Studienautor Gerd Glaeske ein Medikament zur Hemmung der Blutgerinnung an. „Die Todesfälle nehmen zu“, sagte er bezüglich des Mittels Xarelto. Der Umsatz mit dem Mittel sei 2013 um 200 Prozent gestiegen. Viele Patienten haben vorher das – günstigere – Marcumar genommen. Er kritisierte, die 30 umsatzstärksten Arzneimittel seien Präparate, deren Nutzen nicht streng genug überprüft worden oder deren Mehrwert zweifelhaft sei. Dazu zählte er Mittel gegen Multiple Sklerose und zur Unterdrückung der Bildung von Magensäure, die nicht risikolos seinen.

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