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Kampagne ist Vorbild für G 9-Kämpfer

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erstellt am 16.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Hamburg | Die Gegner des Turbo-Abiturs in Hamburg machen Tempo - und geben sich selbstbewusst: In nur vier Wochen will eine gestern gestartete Volksinitiative für eine Rückkehr zum Abitur an Gymnasien nach neun Jahren (G 9) die erste Hürde im dreistufigen Volksgesetzgebung nehmen. "Am 20. Juni möchten wir die 10 000 Unterschriften zusammen haben", sagte Ulf Ohms, Vertrauensmann der Initiative "G 9-Jetzt-HH" bei einem ersten Infoabend.

Mit der Renaissance des Abiturs nach neun Gymnasialjahren wollen Eltern um Initiatorin Mareile Kirsch Kinder und deren Familien vom als übergroß empfundenen Druck der verkürzten Lernzeit befreien. "Wir sind nicht gegen Leistung, wir sind für Qualität", sagte Kirsch vor rund 50 Unterstützern. "Und zwar Qualität einer breiten Allgemeinbildung und Lebensqualität für unsere Kinder." Beides komme bei G8 unter die Räder. Seit Januar hatten Mareile Kirsch - zweifache Mutter und Förderlehrerin an einer Stadtteilschule - und ihre Mitstreiter 6200 Unterschriften für eine entsprechende Petition an die Bürgerschaft gesammelt. Doch weil Hamburgs Politik G 9 an Gymnasien kategorisch ablehnt, greifen die G 8-müden Eltern nun zur direkten Demokratie. Ihr Ziel ist ein abschließender Volksentscheid zeitgleich mit der Bürgerschaftswahl Anfang 2015. Sechs Mütter und ein Vater bilden das Team um Kirsch. Sie alle berichteten von leidvollen Erfahrungen mit dem Turbo-Abi, das seit 2002 an allen Hamburger Gymnasien zum Abitur führt. G 9 gibt es im Stadtstaat nur an Stadtteilschulen, die Kinder aller Lernniveaus vereinen.

"Meine fünf Kinder sind leidenschaftliche Boxer", sagte Christiane Hansen. "Damit sie neben dem Training noch das Gymnasium schaffen, müssen sie nachts Hausaufgaben machen." Andere Mütter auf dem Podium beklagten, dass der G 8-Stress ihre Schützlinge reihenweise zur Aufgabe von Hobbys zwingen. Laut Kirsch habe das Turbo-Abi zudem zu einer "Entkernung" des Lehrstoffs geführt. Selbst der Präsident der Hamburger Uni, Dieter Lenzen, fordere inzwischen ein Vorbereitungsjahr, damit angehende Studenten Defizite in Grundfächern aufholen können.

Abschaffen will die Volksinitiative G 8 nicht, die Eltern von Schülern an Gymnasien sollen künftig zwischen beiden Modellen wählen können. Organisatorische Probleme bei der Rückkehr zu G 9 sieht Kirsch nicht. "In Schleswig-Holstein lief das auch reibungslos, das haben mir Schulleiter bestätigt."

Die Freunde der verlängerten Abiturzeit sehen sich einer geschlossenen Front in der örtlichen Politik gegenüber. Nicht nur die regierende SPD mit Schulsenator Ties Rabe, auch CDU, Grüne und FDP erteilen dem neunjährigen Gymnasium eine klare Absage. Sie hatten nach dem Primarschul-Volksentscheid 2010 einen "Schulfrieden" vereinbart, der für zehn Jahre Änderungen am Schulsystem ausschließt. Jene erfolgreiche Kampagne gegen die Primarschule ist erkennbar das Vorbild der G 9-Kämpfer. Und so war es kein Zufall, dass der Kopf der damaligen Initiative, Walter Scheuerl, beim Startschuss von "G 9-Jetzt-HH" mit im Raum saß. Mitglied der Volksinitiative wolle er aber nicht werden, versicherte der Rechtsanwalt, der inzwischen als Parteiloser der CDU-Fraktion der Bürgerschaft angehört. Seine reichen Erfahrungen im Ringen gegen die schier übermächtige Rathauspolitik möchte Scheuerl den Frauen und Männnern um Mareile Kirsch freilich nicht vorenthalten. "Wenn ich um Rat gefragt werde, werde ich diesen auch geben."

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