Jugendlicher Zorn gegen Bau-Schau

<strong>Machen ihrem Ärger Luft:</strong>  Demonstranten gegen die Iba in Wilhelmsburg. <foto>Lorenz</foto>
Machen ihrem Ärger Luft: Demonstranten gegen die Iba in Wilhelmsburg. Lorenz

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05. Januar 2013, 01:14 Uhr

Hamburg | Uli Hellweg kennt das schon. Wenn der Chef der Internationalen Bauausstellung (Iba) in Hamburg mit Gästen auf Info-Tour durch Wilhelmsburg geht, muss er jederzeit mit unangenehmen Unterbrechungen rechnen. Im Sommer blockierten wild kostümierte Protestler die Barkasse, auf der Hellweg Journalisten eine neue Fährverbindung von Wilhelmsburg zum nördlichen Elbufer vorstellte. Es regnete mit Essig gefüllt Gassibeutel auf die Barkasse. Zuletzt sprangen Mitte November 25 junge Leute plötzlich vor einen Bus, mit dem Pressevertreter zu den Höhepunkten des Iba-Geländes chauffiert wurden ließ.

"Der Iba-Blase die Luft rauslassen", forderten die jungen Leute auf einem Transparent. Sie warnten vor einer Gentrifizierung der Elbinsel, die zu den sozialen Brennpunkten der Millionenstadt zählt. Seit vor Jahren mit dem Umbau des Stadtteils begonnen wurde, sei es zu saftigen Mieterhöhungen gekommen. In einem Flugblatt des Arbeitskreises Umstrukturierung Wilhelmsburg" heißt es anklagend: "Die Ausstellung ist ein Instrument neoliberale Stadtentwicklungspolitik, welche darauf abzielt, Menschen nach ihrer Zahlungskräftigkeit einzuordnen, anzusiedeln oder zu vertreiben."

Profi Hellweg kontert die überfallartigen Proteste routiniert. "Lassen Sie uns über Ihre Kritik diskutieren", bietet er der Handvoll Widerständler vor dem Bus an und lädt sie in eines der diversen Beteiligungsforen. Denen misstrauen die Protestler jedoch zutiefst. Planer und Politiker stellten die Normalbürger dort vor vollendete Tatsachen. "Mitsprache ist doch gar nicht gewollt", unkt einer der Demonstranten. Er trägt Goofy-Maske und schrille Perücke. Es riecht mehr nach Sponti-Happening als nach Autonomen-Gewalt.

Die Proteste gegen die weltweit beachtete Gebäude- und Stadtentwicklungsschau sind für die Macher lästig, sie halten sich aber bislang im Rahmen. Die Gegenaktionen verliefen friedlich. Rückt erst die Polizei an, räumen die Iba-Gegner das Feld. Einmal freilich, im Juli vorigen Jahres, flogen zu nächtlicher Stunde mit Farbe gefüllte Christbaumkugeln gegen das Iba-Info-Dock im Müggenburger Hafen.

Bei allem Verständnis für jugendlichen Zorn: Senat und Ausstellungsorganisatoren empfinden die Fundamentalkritik als ungerecht, wollen sie Wilhelmsburg doch zu einem dringend nötigen Schub verhelfen. Der Stadtteil soll mit Macht raus aus der Schmuddelecke. Dafür haben die Verantwortlichen einen einzigartigen Doppelpack aus Großveranstaltungen geschnürt. Zeitgleich mit der Abschlusspräsentation der Bauausstellung öffnet in diesem Jahr auch die Internationale Gartenschau (IGS) in Wilhemsburg ihre Pforten. Insgesamt werden mehrere Millionen Besucher erwartet.

Seit Jahrzehnten gehört die Flussinsel zu den Sorgenkindern der Hamburger Stadtteilpolitik. Sie leidet unter dem Wegzug bürgerlicher Schichten. Von den 55 000 Bewohnern haben 55 Prozent einen Migrantenhintergrund, jedes zweite Wilhelmsburger Kind lebt von Hartz IV.

Während die IGS den Bürgern im Herzen des Quartiers einen 100 Hektar großen neuen Volkspark beschert, krempelt die Iba den Stadtteil weitgehend um. Mehr als 60, teils spektakuläre Bauprojekte sollen entstehen und Investition von Hunderten Millionen Euro auslösen.

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