Wälder bei Schleswig : Jetzt droht eine Borkenkäfer-Plage

Erst im Sommer werden alle Verwüstungen durch das Sturmtief weggeräumt sein: Umweltminister Robert Habeck informiert sich in einem Wald bei Kropp.
Erst im Sommer werden alle Verwüstungen durch das Sturmtief weggeräumt sein: Umweltminister Robert Habeck informiert sich in einem Wald bei Kropp.

Nach dem Orkan zeigt sich bei einem Ortstermin mit Umweltminister Robert Habeck, wie es nördlich des Kanals in vielen Wäldern aussieht. Was der Sturm übrig gelassen hat, wird jetzt vom Käfer bedroht.

shz.de von
06. November 2013, 00:33 Uhr

Kropp | Auf Landkarten ist das Gelände südlich von Kropp an der Straße nach Tetenhusen als Wald eingezeichnet. Dass es sich um ein solches Areal handelt, erkennt Umweltminister Robert Habeck nur noch durch den Blick auf den Boden. Denn stehen geblieben ist kaum ein Baum. Vor dem Grünen-Politiker liegen wie beim Mikado kreuz und quer die Stämme der Lärchen und Fichten, die Orkan „Christian“ am Montag letzter Woche umgeworfen hat. Ihre Nadeln duften nach dem massiven Regen der vergangenen Tage wie ein Badezusatz. „Man steht schaudernd davor, wenn man sieht, wie hilflos der Mensch den Urgewalten trotz aller Technik gegenübersteht“, sagt der Minister. Beispielhaft will er sich in dem Forst im Süden des Kreises Schleswig-Flensburg ein Bild davon machen, wie es nördlich des Kanals derzeit in den meisten Wäldern aussieht.

Und noch viele Monate aussehen wird, wie Tim Scherer, Leiter der Landesforsten, versichert. „Bis alles aufgeräumt ist, wird es Sommer werden.“ Nicht nur ums Zersägen geht es dabei. „Der Engpass wird in der Logistik liegen“, prophezeit Scherer. „Vor Ende November brauchen wir den Spediteuren wegen der Rader Hochbrücke erst gar nicht zu kommen.“ Erste Gespräche über „Sonder-Kapazitäten der Bahn“ liefen. Sägewerke müssten voraussichtlich bis nach Nordrhein-Westfalen hin in Anspruch genommen werden.

Allein im Bereich der für Kropp zuständigen Revierförsterei Brekendorf mit ihren 1500 Hektar hat der Orkan 30.000 Festmeter Holz gefällt. „Das entspricht dem Vier- bis Fünffachen der regulären Einschlagmenge pro Jahr“, erklärt Revierleiter Rainer Mertens. Landesweit summieren sich die umgeknickten und entwurzelten Stämme auf 400.000 Festmeter – ein Verkaufswert von über 20 Millionen Euro. Ein eigens gegründeter Krisenstab koordiniert die Einsätze von Maschinen und rund 40 Mitarbeitern sowohl räumlich als auch zeitlich. „Nur Fachpersonal kommt in Frage“, betont Mertens. „Sonst besteht Lebensgefahr.“

Die Krux liegt in der Spannung, unter der die lädierten Stämme stehen. „Wenn man da den Schnitt falsch setzt, kann der ganze Baum hoch- oder über einem zusammenschlagen“, warnt der Revierchef. Eigens am Computersimulator wurden die Aufräumtrupps geschult.

Deutlich an Tempo und Sicherheit gewinnen die Arbeiten durch in Schweden erfundene Spezialfahrzeuge. Sie ersetzen ein Dutzend Leute, entasten, zerschneiden und stapeln Stämme. „So wie manche Leute Salzstangen ablutschen“, findet Ex-Schriftsteller Habeck dafür ein passendes Bild. Zwölf Stück davon befinden sich landesweit im Einsatz.

Unter dem Baumschutt vergraben sind ehemals nur knapp hüfthohe Buchen und Eichen. Sie waren erst kürzlich gepflanzt worden, um den für die Geest typischen, besonders sturmanfälligen Nadel- in einen Mischwald umzubauen. Mertens beklagt: Wenn man diese Strategie dereinst wieder aufnimmt, fehlen die alten Bäume, um die nachwachsenden vor Trockenheit und Frost zu schützen. „Es wird uns finanzielle Anstrengungen kosten und wir werden Geduld brauchen, bis ein neuer, naturnaher Mischwald nachgewachsen ist“, ahnt Habeck.

Während die Waldarbeiter gerade erste begonnen haben, das jüngste Ungemach zu bewältigen, sieht der Landesforsten-Chef das nächste im Frühjahr schon voraus: „Nach jedem großen Orkanschaden droht eine Borkenkäfer-Plage – die Frage ist nur, ob es eine kleine, eine mittlere oder eine große wird.“

Grund: Das den Wald dezimierende Insekt liebt vorgeschädigte Stämme, weil deren Widerstandfähigkeit durch verminderte Harzbildung eingeschränkt ist. „Auch deshalb müssen wir uns bemühen, bis zum Frühjahr wenigstens möglichst viele kaputte Bäume weggeräumt zu haben“, betont Scherer. Acht Jahre liege die letzte Borkenkäfer-Plage im Norden zurück.

Einstweilen sieht Scherer noch keinen Termin, zu dem das vom Umweltminister verfügte Betretungsverbot für alle Wälder nördlich des Kanals wieder aufgehoben werden kann: „Das dauert noch Wochen.“ Habeck interessiert das nicht nur von Amts wegen, sondern auch privat: Seine eigene Jogging-Strecke durch die Flensburger Marienhölzung liegt einstweilen ebenfalls still. „Am Wochenende“, verrät er, „musste ich als Ersatz auf den Crosstrainer im Keller.“

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