zur Navigation springen

Jetzt beginnt die Jagd nach den Millionen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zivilpolizisten und private Ermittler sind Drach auf den Fersen

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2013 | 00:37 Uhr

Die Jagd auf das Lösegeld ist eröffnet: Mit der gestrigen Entlassung von Reemtsma-Entführer Thomas Drach aus der Haft hat die Suche nach den fehlenden Millionen aus dem Coup von 1996 neu begonnen. Drach und seine Bande hatten den Multimillionär Jan Philipp Reemtsma entführt, 33 Tage in einem Kellerverlies gefangen gehalten und gegen Zahlung von 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken freigelassen.

JVA Fuhlsbüttel, 6.20 Uhr: Es ist noch dunkel, als ein silberfarbener BMW 650 Cabrio in die Einfahrt des Schwerverbrechergefängnisses rollt. Am Steuer Rechtsanwalt Helfried Roubicek, der gekommen ist, um seinen Mandanten abzuholen. Als sich das Stahltor zehn Minuten später wieder öffnet, sitzt Drach auf dem Beifahrersitz. Nach 15 und einem halben Jahr hinter Gittern geht es im Rückwärtsgang in die Freiheit.

Vorsichtig bahnt sich der Wagen den Weg durch Blitzlichtgewitter und Dutzende Journalisten. Mit der rechten Hand schirmt Drach sein Gesicht vor den Fotografen ab, in der Linken hält er die Entlassungspapiere. Einer der bekanntesten Kriminellen Deutschlands blickt angespannt, im Haarkranz des 53-Jährigen schimmert es grau. Mit den Journalisten sprechen mag der Entlassene nicht.

Als der BMW in den Hamburger Morgenverkehr abbiegt, hat er mehrere Wagen mit Kamerateams im Schlepp – und wohl auch Zivilpolizisten und private Ermittler. Über die Elbbrücken geht es auf die A 1 Richtung Süden. Kurz vor Bremen wechselt Drach den Wagen. Auf dem Rasthof Grundbergsee wartet ein Bekannter in einem schwarzen Seat Ibiza. Der Entführer packt seine wenigen Habseligkeiten in eine Reisetasche um. Dann geht es weiter in die Niederlande. Das sei sein gutes Recht, sagt Thomas Baehr, Sprecher der Hamburger Justizbehörde.

Der Berufskriminelle umgeht so völlig legal die strengen Auflagen des Hamburger Landgerichts. Es hatte angeordnet, dass sich der 53-Jährige einmal pro Woche bei einem Bewährungshelfer melden und sich über die Arbeitsagentur um eine Erwerbstätigkeit bemühen muss. Jeglicher Kontakt zum Opfer ist ihm untersagt. Vor allem aber erspart sich der Ex-Häftling die elektronische Fußfessel. Alle Auflagen, erläutert Baehr, gelten nur auf deutschem Hoheitsgebiet. Die Fußfessel musste Drach gestern in „Santa Fu“ gar nicht erst anlegen, nachdem er den Behörden seine Ausreise angekündigt hatte.

Wohin es ihn verschlagen könnte, ist völlig unklar. Nach der Tat hatte er sich nach Südamerika abgesetzt und in Uruguay ein Luxusleben geführt. Sicher scheint indes, dass der Entlassene früher oder später der Spur des Geldes folgt. Wie viel von den erpressten 15 Millionen Euro noch übrig sind und wo sich der Rest befindet, gehört zu den spannendsten Fragen. Der Verurteilte hat dazu eisern geschwiegen. Ermittler gehen davon aus, dass noch rund 6,5 Millionen Euro irgendwo versteckt sein könnten.

Dieter Langendörfer, einst Chef der Soko „Reemtsma“, rechnet fest damit, dass Drach sich das Geld holen will. Im Video auf shz.de sagte er: „Er sieht das Lösegeld als sein Geld, das er sich durch die Entführung erwirtschaftet hat.“ Langendörfer erwartet, dass der Freigelassene sein Äußeres ändert und untertaucht, um das Restgeld unbemerkt an sich zu nehmen.

Eben das will Jan Philipp Reemtsma verhindern. Der 60-Jährige hat eine Sicherheitsfirma beauftragt, Drach auf den Fersen zu bleiben. Dem NDR sagte er: „Es ist ein störender Gedanke, dass er sich möglicherweise von dem Geld, was er auf die Seite gebracht hatte, ein gutes Leben machen kann.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen