"Ist die Schule weg, will hier keiner mehr hinziehen"

Kämpfen für den Erhalt der ländlichen Lebensqualität: Sandra Neukamm und ihre Grundschüler.Müller
Kämpfen für den Erhalt der ländlichen Lebensqualität: Sandra Neukamm und ihre Grundschüler.Müller

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25. Januar 2013, 01:14 Uhr

Hochdonn / Kiel | "Ich fahr dann mal los." Für Ruth Bartusch (9) ist es selbstverständlich, mit ihrem Rad in ein paar Minuten von der Grundschule Hochdonn (Kreis Dithmarschen) nach Hause zu fahren. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn ihre Schule gehört zu den landesweit etwa 60 Außenstellen von Grundschulen, denen wegen sinkender Schülerzahlen in den kommenden Jahren das Aus drohen könnte. Heute will dagegen auch Ruths Mutter Elisabeth, die Mitglied im neuen landesweiten Netzwerk der Dorfschulen Schleswig-Holsteins ist, vor dem Kieler Landeshaus demonstrieren. "Wenn die kleinen Schulen aus den Dörfern verschwinden, stirbt ein großer Teil des lokalen Lebens", sagt sie.

In der 1200-Einwohner-Gemeinde am Nord-Ostsee-Kanal ist das mit Händen zu greifen. Früher gab es dort einen Baumarkt, zwei Bankfilialen, einen Bäcker. Jetzt sind nur noch ein Dorfladen, ein Elektrogeschäft, ein Friseur und ein paar Kneipen übrig. "Ist die Schule weg, will hier keiner mehr hinziehen", glaubt Bartusch. Die kleine Außenstelle der Fief-Dörper-School besuchen noch 50 Schüler. Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) will die Außenstellen erhalten, zumindest wenn sie eine Größe von 44 Schülern nicht unterschreiten. Für Hochdonn wird es genauso eng wie im benachbarten Schafstedt oder in Breitenberg im Kreis Steinburg.

"Wir wollen keine Zahl von Frau Wende hören", sagt die Vorsitzende des Netzwerkes, Sandra Neukamm. Die Eltern wollen keinen Erhalt der Schulen um jeden Preis, wenn die Kinderzahl weiter sinkt. "Wenn es zu wenig Schüler sind, und die Qualität des Unterrichts deswegen nicht gehalten werden kann, bleibt nichts anderes als die Schule langsam zu schließen", sagt Neukamm. Aber wenn eine Schule mit Schulträgern und Eltern ein gutes Konzept erarbeite, müsse dies auch gefördert werden. In Hochdonn wollen sie die Qualität unbedingt halten, dazu stellt die Gemeinde auf eigene Kosten eine pädagogische Assistenzkraft ein, die die Lehrer entlasten soll - allerdings mit Bauchschmerzen. "Die Gemeinde, die am meisten Geld für solche Kräfte ausgeben kann, wird am Ende ihren Kindern die beste Bildung ermöglichen - das hat nichts mit Chancengleichheit zu tun", so Neukamm. Im Koalitionsvertrag habe die Regierung versprochen, in die Bildung zu investieren. Von der Politik habe sie bisher zwar Verständnis geerntet - "aber Geld hat auch keiner von denen".

Neukamm fürchtet, dass das ländliche Leben leidet, wenn die Schule dicht gemacht wird. "Die Kinder werden Freunde in anderen Dörfern finden, dort in den Sportverein gehen." Eltern wie sie, die einst bewusst aus der Großstadt Hamburg in ein Dithmarscher Dorf mit eigener Schule zogen, würden wegbleiben. Grundstücke würden an Wert verlieren, an Neubaugebiete brauche man nicht mehr zu denken, das soziale Gefüge werde leiden.

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