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Bildungsministerin Britta Ernst : Inklusion in SH: Das Erbe der Waltraud Wende

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Die Begegnung mit der Basis zeigt: Die Vorgängerin Waltraud Wende hat Bildungsministerin Britta Ernst bei der Inklusion eine Großbaustelle hinterlassen.

Kiel | Es war eine der letzten Amtshandlungen von Ex-Bildungsministerin Waltraud Wende: Kurz nach den Sommerferien hatte sie nach dem Okay des Kabinetts ein „Inklusionskonzept“ veröffentlicht. Ganz dröge per E-Mail, weil sie wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen sich wenig Lust auf die Presse verspürte. Eine Liste von zehn Punkten hat die parteilose Professorin hinterlassen, die anreißen, wie die zahlreichen Hürden beim gemeinsamen Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten beseitigt werden sollen. Und nun steht Nachfolgerin Britta Ernst (SPD) da in einem bis zum Anschlag gefüllten Saal im Kieler Gewerkschaftshaus – und muss sich von der Basis das „Konzept“ um die Ohren hauen lassen.

Gerne feiert sich die Bildungspolitik für die höchste Inklusions-Quote aller Bundesländer: 64,1 Prozent der Kinder mit Einschränkungen aller Art gehen im Norden auf reguläre Schulen. Körperliche und geistige Behinderungen im Verständnis der Alltagssprache bilden eine Minderheit. Überwiegend geht es um Lern- oder sozial-emotionale Störungen.

Doch dem Spitzenplatz im Ranking zum Trotz: „Wäre alles in Ordnung, hätte diese Veranstaltung nicht diesen Zulauf“, schlussfolgert Matthias Heidn, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Blick auf die 200 Pädagogen vor sich. Der Berufsverband hat unter dem Motto „Neue Ministerin – alte Probleme“ eingeladen, um ein Ventil zu öffnen für die Überforderung, die sich bei vielen Lehrern beim Stichwort Inklusion breitmacht.

„Nur mit dem Herzen und der richtigen Einstellung ist dieses Ziel nämlich nicht zu bewältigen“, spricht Heidn Klartext. „Wir brauchen im Konzept Verbesserungen, die man im Alltag merkt.“ Ebenso mahnt er einen nachvollziehbaren Zeitplan an: „Wir warten auf Aussagen, wie sich die Inklusion Schritt für Schritt verbessern soll – davon steht in dem Konzept nichts. Aber es steht darin, dass alle Ziele bis 2024 wie von Zauberhand umgesetzt sind.“ Heidn spricht von einem „Zeitstrahl, der provoziert. Stoppen Sie ihn“.

Die zeitlich konkreteste Aussage in dem Papier ist noch, dass es ab kommendem Schuljahr zumindest in den Grundschulen 314 Schulassistenten geben soll. Obwohl das Land dies mit 13,2 Millionen Euro hinterlegt, herrscht völlige Unklarheit, wie die Assistenten eingesetzt werden sollen. So wie viele Diskutanten eine Rollenaufteilung auch bei der gemeinsamen Arbeit von regulären Lehrern, Sonderschulpädagogen, Sozialarbeitern und Psychologen vermissen. Für die Assistenten steht nicht mal fest, welche Kenntnisse sie mitbringen sollen. „Natürlich ist es nicht so, dass Erzieher als Bewerber Schlange stehen“, sagt Ernst im Hinblick auf den Nachwuchsmangel für diesen Beruf.

 

Kaum besser sieht es bei den Sonderschullehrern aus, die doch immer stärker in reguläre Schulen integriert werden sollen. Gerade mal 1,3 Stunden pro Woche komme eine solche Kraft bei einem Inklusionsschüler in den Unterricht hinzu, verrät eine Praktikerin. Der Leiter eines Förderzentrums in Norderstedt berichtet: Selbst unbefristete Stellen ließen sich nicht mehr besetzen, weil Nachwuchskräfte lieber nach Hamburg gingen. Es lockt mit schneller Verbeamtung. Da holt Ernst die Konkurrenz durch den eigenen Ehemann, den Ersten Bürgermeister Olaf Scholz, ein.

Die Ministerin betont, dass sie in Kiel nicht nur Wendes Inklusionskonzept vorgefunden hat – sondern ebenso die Schuldenbremse. Kurzfristig könne es nicht so viel mehr Geld geben, wie sich es die Lehrer vorstellten. 30 Millionen immerhin habe die Küstenkoalition dennoch bisher für die Inklusion organisiert; Lehrerstellen würden sehr viel weniger abgebaut als von der Vorgängerregierung beschlossen.

Als normal bei einer Konzeptentwicklung bezeichnet es Ernst, dass man erst die Ziele formuliere und sich dann über die Wege unterhalte – „und zwar mit Ihnen anstatt Ihnen alles fertig vorzusetzen“. Sie deutet an: Dass an den Schulen für die Inklusion nicht nur Lehrer, sondern „multiprofessionelle Teams“ arbeiten sollen, verlange Lehrern auch ein Stück Gewöhnung ab. Als Pragmatikerin gibt sich die Neue, als der Ruf nach einer wissenschaftlichen Begleitung der Inklusion laut wird: „Ich halte nichts davon, jeden dritten Schritt in der Politik von Gutachtern begleiten zu lassen“, bekennt sich Ernst zur eigenen Entscheidungskompetenz.

Politisch weniger kämpferisch wirkt allerdings, als sie als einen der Gründe für das Fehlen einer durchformulierten Zeitachse bis 2024 sagt: „2017 ist ja auch erstmal eine Wahl.“

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erstellt am 21.Nov.2014 | 10:54 Uhr

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