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In Sorge um "coole Kerlchen"

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erstellt am 16.Mai.2013 | 01:14 Uhr

neumünster | Novum bei den Landfrauen: Erstmals befasst sich die stärkste Frauen-Lobby des Landes während ihrer Jahrestagung einen kompletten Tag mit Kerlen, genauer mit coolen Kerlchen in der Klemme. So lautet der Titel des Landfrauentages, zu dem gestern mehr als 1600 Schleswig-Holsteinerinnen in die Holstenhallen nach Neumünster kommen. "Es geht um die Zukunft unserer Söhne und Enkel - das interessiert uns brennend", sagt Landfrauen-Präsidenten Marga Trede.

In dem paradox klingenden Motto steckt eine bedrohliche Brisanz. Die Bevölkerung nimmt ab, Schleswig-Holstein verliert 70 000 Einwohner, der Fachkräftemangel verschärft sich drastisch. "Da können wir es uns nicht leisten, nur einen Jungen zu verlieren", betont Professor Christian Pfeiffer, renommierter Kriminologe und Gastredner des Landfrauentages. Doch die Gefahr dafür ist groß, denn Jungs stecken in einer Leistungskrise, die sich seit 20 Jahren dramatisch verschärft. Folge: Die Mädchen hängen die Jungs immer stärker ab. Sie machen schon jetzt deutlich häufiger und mit deutlich besseren Noten Abitur, liegen auch im Studium vorne, sind flexibler, sozial kompetenter und krisenfester. "Jungs verunsichert es, dass die Mädchen immer stärker werden", sagt Pfeiffer. Woran liegt das? Die Antworten hat der Experte vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen bei der Befragung von 11 000 Frauen und Männern aus unterschiedlichen Kinder- und Eltern-Generationen gewonnen. Der Hauptgrund ist der intensive Medienkonsum der Jungs. Jeder dritte Junge, aber nur jedes zehnte Mädchen verbringt täglich mehr als drei Stunden mit Computerspielen. Zehn mal so viele Jungen wie Mädchen - acht Prozent - gelten als spielsüchtig. Vor dem Einzug der Computerspiele in die Kinderzimmer gab es etwa gleich viele männliche und weibliche Abiturienten.

Gestärkt werden die Mädchen auch durch mehr Zuwendung und Zuneigung ihrer Eltern, Erzieher und Lehrer. Früher war es umgekehrt, denn Jungs mussten gut geraten, den Hof oder die Firma übernehmen, waren die Alterssicherung für die Eltern. "Diese Dominanzstrukturen sind aufgeweicht. Zuneigung wird den liebenswerteren Mädchen geschenkt, die Jungs flüchten sich in virtuelle Macho-Welten", sagt Pfeiffer. Doch die Kerlchen können aus der Klemme geholt werden. "Durch Elternhäuser, in denen auch Väter Gefühle und Liebe zeigen, und durch Ganztagsschulen, die den Nachmittag sinnvoll gestalten, die Lust aufs Leben machen."

Ministerpräsident Torsten Albig zeigt sich vom Referenten und der Landfrauen-Power beeindruckt. "Ich werde Einiges mitnehmen nach Kiel", sagt er in der Kaffeepause am natürlich exzellenten Kuchenbüfett. Die Kommunikations-Kultur der Landfrauen sei für die Politik beispielhaft. Die 37 000 Landfrauen engagierten sich für alle aktuellen Themen - von der Energiewende bis zum Bevölkerungsrückgang. "Und sie schlagen Brücken zwischen dem Land und den Städten. Deshalb brauche ich Sie und Ihren Rat auf dem Weg in die Zukunft", betont Albig. Auch Christian Pfeiffer outet sich als Landfrauen-Fan: "Sympathischer und effektiver kann Ehrenamt nicht sein."

Auch mit ihrem gestrigen Thema beweisen die Landfrauen Zeitgeist. "Wir wollen so früh wie möglich auf kritische Entwicklungen aufmerksam machen", sagt Vize-Präsidentin Birgit Feddersen. Ist den mit Blick auf die Kerle-Problematik die Mädchen- und Frauenförderung überflüssig? "Keinesfalls", betont Pfeiffer, "jeder Schritt dafür war und ist goldrichtig."

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