Schullandschaft : In Schleswig-Holstein fehlen Ganztagsschulen

In Schleswig-Holstein noch ein seltenes Bild: Schüler essen nach dem Unterricht in der Kantine.
In Schleswig-Holstein noch ein seltenes Bild: Schüler essen nach dem Unterricht in der Kantine.

Nachholbedarf in SH: Die Zahl der Schüler, die Ganztagsangebote wahrnehmen, liegt unter dem Bundesdurchschnitt. Das ergab eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung.

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03. Juli 2014, 14:07 Uhr

Kiel | Unterrichtsausfall, die Reform der Lehrerausbildung, der hohe Aufwand für die Inklusion zum gemeinsamen Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten – Schleswig-Holstein hat bereits reichlich Baustellen in der Schullandschaft. Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung fügt denen eine weitere hinzu: Demnach gibt es Nachholbedarf bei den Ganztagsangeboten im Norden. Das Ranking sieht Schleswig-Holstein bei der Zahl der Schüler, die eine Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen, deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Mit rund 66.000 Kindern und Jugendlichen besucht zwischen Nord- und Ostsee nur knapp jeder vierte (23,7 Prozent) eine ganztägige Schule. Der Mittelwert für ganz Deutschland liegt bei 32,2 Prozent. Ganz hinten rangiert Bayern, wo weniger als jeder achte Heranwachsende ein ganztägiges Lernangebot nutzt. In Sachsen tun dies 79,1 Prozent, in Hamburg 61,7 Prozent.

Der Ausbau ist in Schleswig-Holstein laut der Erhebung des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm nahezu zum Erliegen gekommen: Im Jahresvergleich hat die Zahl der Ganztagsschüler nur um ein Prozent zugenommen. Nur um ein Prozent hat die Zahl der Ganztagsschüler zugelegt. Bleibt es bei dem Tempo, hätte laut Bertelsmann 2020 rotz rückläufiger Schülerzahlen nur gut jedes dritte Kind im Norden die Chance auf einen Platz im Ganztag.

Lediglich 4,6 Prozent aller Erst- bis Zehntklässler nehmen gebundene Ganztagsangebote wahr. Vier mal so viele lernen im offenen Ganztag. Dabei ist die Teilnahme an Kursen, AGs oder Hausarbeitenhilfe freiwillig und findet nur an einzelnen Tagen oder über kürzere Zeitstrecken statt. Der gebundene Ganztag hingegen verpflichtet durchgängig zur Teilnahme an Angeboten jenseits des gewöhnlichen Unterrichts. Nur in Hessen liegt der Anteil der Erst- bis Zehntklässler, die sich für das verbindliche ganztägige Lernen entscheiden, mit 3,5 Prozent noch niedriger als in Schleswig-Holstein.

Dem gebundenen Ganztag schreiben Wissenschaftler besonders große Möglichkeiten beim sozialen und kognitiven Lernen zu, weil sich abwechselnde Lern-, Übungs- und Entspannungsphasen sinnvoll über den ganzen Tag verteilen. Der Ganztag ermögliche es, Kinder individueller zu fördern. Nach einer von Bertelsmann zitierten Emnid-Umfrage wünschen sich 70 Prozent aller Eltern in Deutschland einen Ganztagsplatz für ihr Kind.

Das Land hält dem Bertelsmann-Ranking eigene Zahlen entgegen. Diese heben allerdings nicht auf die Zahl der Schüler ab, sondern auf die Zahl der Schulen. Danach machen 60 Prozent aller Schulen im Land Ganztagsangebote. Allerdings wird dabei nicht berücksichtigt, ob sich diese Angebote durch sämtliche Klassenstufen ziehen. 487 offenen stehen 31 gebundene Ganztagsschulen im Land gegenüber. Im Kieler Bildungsministerium geht man davon aus, dass die Nachfrage der Eltern nach Ganztagsangeboten – analog zum Interesse an Kita-Plätzen – kontinuierlich steigt. Um dem gerecht zu werden, hofft man auf weitere Bundesmittel. Allerdings erkennt man an, dass sich der obligatorische Zeitumfang bei den gebundenen Ganztagsschulen offenbar nicht immer mit dem Interesse der Eltern deckt. Insbesondere im Sekundarbereich I gebe es Bestrebungen, ihn herabzusetzen.

„Brennpunkt Qualität“ – Ein Kommentar von Frank Jung

Ganz gleich, ob Statistiken auf die Zahl der Schüler abheben, die Ganztagsangebote wahrnehmen, oder auf die Zahl der Schulen, die Aktivitäten außerhalb des Unterrichts bieten – über einen wesentlichen Punkt sagen die Zahlen nichts aus. Nämlich über die Qualität der AGs, Kurse und Hausaufgabenhilfen, die sich hinter dem Label Ganztag verbergen. Gerade dazu aber ist eine umfassende Untersuchung dringlich. Denn punktuelle Wahrnehmungen aus der Praxis legen den Schluss nahe, dass bei der Art und Weise von Ganztag allzu viel dem Zufall überlassen bleibt. Das ist der Preis dafür, dass das Land aus Kostengründen nur begrenzt Lehrerstunden für den Ganztag bewilligt. Die meisten Aktivitäten hängen davon ab, dass die Schule  Ehrenamtler und Honorarkräfte gewinnt. Letzteren kann sie nur äußerst karge Sätze zahlen, weil die kommunalen Schulträger ihnen dafür nicht mehr Geld bewilligen. Sicher arbeitet trotzdem mancher Idealist toll mit den Kindern. Andere aber tun es nur als Notlösung und ohne langfristige Perspektive. Das birgt die Gefahr, dass Ganztag zur reinen Aufbewahrung degeneriert. Bevor man die Qualität nicht sichert, ergibt ein weiterer Ausbau wenig Sinn.

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