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AKW Brunsbüttel : In feuchten Kellern rosten Atomfässer vor sich hin

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Kameras zeigen eine „breiige Masse“ mit radioaktiver Substanz in unterirdischen Lagerräumen des Kernkraftwerks Brunsbüttel. Energieminister Habeck fordert Vattenfall zu einem neuen Konzept der Bergung der Behälter auf.

Geahnt hatten es die Kieler Atomaufseher schon länger. Bis zum Ende der Inspektion der unterirdischen Depots für Atommüllfässer am stillgelegten Kernkraftwerk Brunsbüttel, prophezeiten Experten von Energieminister Robert Habeck, würden wohl noch mehr rostige Überraschungen ans Licht kommen.

Das war im Januar dieses Jahres. Die systematische Untersuchung der insgesamt sechs Kavernen am Atomkraftwerk war soeben angelaufen – angeordnet nach dem überraschenden Fund eines korrodierten Fasses für schwach- und mittelradioaktiven Abfall im Januar 2012.

Kaum vier Wochen nach dem Start der Operation mit dafür eigens entwickelten Kameras sollte sich die Ahnung der Atomaufseher bestätigen. In einem der Betonkeller fanden die Inspekteure 18 Behälter mit rostigem Befall. Und jetzt hat sich Zahl der Schrottfässer auf 29 erhöht. Dabei sind die Untersuchungen noch längst nicht abgeschlossen.

631 Fässer lagern auf dem Gelände des Kernkraftwerks – „versenkt“ teilweise vor über 30 Jahren in insgesamt sechs Kavernen. Damals gehörte das AKW Brunsbüttel noch den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW). Seit 2002 ist Vattenfall Betreiber. Kontrollen gab es, weil nicht vorgesehen, praktisch nie. Auch nicht, als 2011 die bis dahin letzten Fässer unter die Erde gebracht wurden. Die Abfälle wie Filterharze und Verdampferkonzentrate, enthalten trotz Jahrzehnte langer Abklingzeit noch Mengen von Cäsium 137 – einem Abfallprodukt der Kernspaltung.

Und nass ist es in den Atomkellern: 75 Prozent Luftfeuchtigkeit wiesen Experten nach – ein Treibsatz für die Korrosion. Fazit der Habeck-Behörde: Teile des Atommülls waren vor der Einlagerung nicht ausreichend getrocknet worden. Zudem strahlt der Müll: Zwischen den eng neben- und übereinander stehenden Fässern wurden Werte von bis zu 600 Millisievert gemessen. Das ist zwar viel, gilt jedoch in der Atomaufsicht als nicht ungewöhnlich.

Abgeschirmt sind die Kavernen zudem mit meterdicken Betonriegeln. Die verringern die Strahlung so weit, dass oberhalb der Kaverne gefahrlos gearbeitet werden könne, versichern Vattenfall und Habeck.

Klar ist aber schon jetzt: Die bisher von Vattenfall entwickelten Pläne zur Bergung der Behälter werden kaum mehr funktionieren. Manche Fässer lassen sich nicht einmal mehr anheben, weil der Deckel defekt ist. Habeck forderte Vattenfall deshalb auf, ein neues Konzept vorzulegen, um die Behälter zu heben und umzuverpacken für die spätere Endlagerung im Schacht Konrad. Die Anlage bei Salzgitter freilich wird nach derzeitigen Prognosen nicht vor 2021/22 zur Verfügung stehen.

Energiepolitiker des Landtags reagierten erschrocken. „Die Situation ist mit gesundem Menschenverstand kaum noch zu begreifen“, urteilte die Piratin Angelika Beer. Die CDU forderte Atomaufsicht und Betreiber auf, für Aufklärung zu sorgen. Die Sicherheit der Bevölkerung und der Umwelt müsse gewährleistet bleiben, hieß es von der FDP. Olaf Schulze (SPD) warf Vattenfall vor, nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ gehandelt zu haben. Flemming Meyer (SSW) nannte die „Atomleichen“ im Keller des AKW „das Vermächtnis einer größenwahnsinnigen Energiepolitik“.

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