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Immer mehr Mobbing im Internet

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bereits mehr als ein Drittel aller Schüler zwischen 14 und 20 Jahren Opfer / Neue Unterrichtsmaterialien sollen Schulen bei Aufklärung helfen

Früher haben Jugendliche auf dem Schulhof gestritten oder in der Clique gelästert. Heute veröffentlichen sie über Internet und Handy peinliche Fotos, posten Beleidigungen oder surfen unter falscher Identität. Der fatale Unterschied: Das Netz vergisst nichts und ist grenzenlos. Da Täter im Internet scheinbar anonym und ungebunden agieren können, sind die Attacken häufig extrem hart und die Betroffenen diesen rund um die Uhr ausgesetzt. Besonders schlimm: Sie nehmen zu.

In Norddeutschland wurden bereits 38 Prozent der zwischen 14 und 20-Jährigen – das entspricht mehr als 320 000 Betroffenen – Opfer von Cybermobbing, so die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK). Jeder fünfte Schüler wurde demnach im Internet oder per Handy direkt bedroht oder beleidigt. Jeder Sechste litt unter Verleumdungen – und bei rund zehn Prozent kam es zu einem Missbrauch der Internet-Identität. Physische und psychische Schäden sind die Folgen. Die Opfer sind nicht nur wütend (66 Prozent), verletzt (35 Prozent), verzweifelt (21 Prozent) oder fühlen sich hilflos (20 Prozent), sondern leiden auch unter direkten körperlichen Folgen. Von Schlafstörungen berichten 18 Prozent, Kopf- oder Bauchschmerzen nennen jeweils sechs Prozent als Reaktion auf Cybermobbing.

Neue Hilfsmaterialien sollen den Schulen nun die Chance geben, das Problem Cyber-Mobbing besser in den Griff zu bekommen. So wurde jetzt zu dem Thema eine Unterrichtseinheit speziell für die 6. Klassen entwickelt, als Ergänzung für die seit 2009/10 im Einsatz befindlichen „Anti-Mobbing-Koffer“, der für 5. Klassen gedacht ist. Bundesweit hat die Techniker Krankenkasse 13 000 solche Koffer zur Verfügung gestellt, in Schleswig-Holstein können die Schulen 1000 dieser Koffer mit Aufklärungsmaterialien nutzen. Die Entwicklung der neuen Unterrichtseinheit kostete rund 10 000 Euro.

Ein Film zeigt am Beispiel eines Schülers, welche Arten von Cyber-Mobbing es gibt und wie schwierig es ist, sich gegen Angriffe zur Wehr zu setzen. „Mobbing ist mies und Gemeinheiten sind ein Zeichen von Schwäche“, sagte Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) gestern bei der Vorstellung des Materials in Kiel. Sie betonte, Schüler stünden heute unter einem erheblichen Leistungsdruck, erlebten sich in einem permanenten Wettbewerb, hätten oft Angst, Schwäche zu zeigen und würden darauf getrimmt, möglichst perfekt zu sein. Daraus resultierten psychische Belastungen, die das schulische Miteinander bedrohten. Das Ziel einer „mobbingfreien Schule“ passe perfekt in die Zeit, und der „Anti-Mobbing“-Koffer, das Herzstück der Initiative, sei „einfach eine tolle Idee“, betonte Wende. Schüler müssten sich in die Lage eines anderen hineinversetzen können, Toleranz und Mitgefühl als gesellschaftliche Ziele lernen. Die Prävention müsse im Mittelpunkt stehen, nicht das Aufarbeiten von Cyber-Mobbing-Fällen im Nachhinein.

Eine Broschüre für Eltern gibt Tipps, wenn das eigene Kind Opfer oder Täter ist. Anlaufstelle ist auch die Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein (AKJS), die ebenfalls in die Entwicklung des neuen Moduls eingebunden war, erklärte Christa Limmer, Leiterin der AKJS-Geschäftsstelle.

Schulen können die Koffer über das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen anfordern. Sie würden aber nur in Verbindung mit intensiven Fortbildungen an die Schulen gegeben, betonte Christa Wanzeck-Sievert, Leiterin des Zentrums für Prävention, Gesunde Schule und Sucht- und Gewaltprävention beim Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein. Das Institut und die Aktion Kinder- und Jugendschutz haben gemeinsam die Fortbildung übernommen. Seit 2009 wurden rund 500 Lehrer und Schulsozialpädagogen sowie 160 Multiplikatoren zum Anti-Mobbing-Koffer geschult.

Warum die Mobbingrate gerade im Norden so besonders hoch ist, kann die Studie nicht beantworten. So geht aus den Daten sogar hervor, dass mehr Jugendliche im Norden mit ihren Eltern über das Thema Cybermobbing sprechen als im übrigen Bundesgebiet – an und für sich ein positives Ergebnis. Andererseits kümmert sich allerdings nur rund ein Drittel der Eltern aus Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein darum, auf welchen Seiten ihre Kinder im Internet unterwegs sind.

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