Im Sturm der Entrüstung

Claudia Bauer steuert die  Motorbarkasse 'Birgit Ehlers' und  berichtet ihren Fahrgästen Wissenswertes. Stephan Pflug
Claudia Bauer steuert die Motorbarkasse "Birgit Ehlers" und berichtet ihren Fahrgästen Wissenswertes. Stephan Pflug

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18. Januar 2013, 01:14 Uhr

Hamburg | Was Schiffsführerin Claudia Bauer den 25 Fahrgästen in einer Stunde Hafenrundfahrt bietet, ist einiges. Sie schippert die Motorbarkasse "Birgit Ehlers" gekonnt durch den Hamburger Hafen, referiert per Lautsprechanlage über Historisches und die Moderne, zeigt das Afghanische Museum, die Flussschifferkirche, ein U-Boot und das Deutsche Zollmuseum. Dann berichtet sie über die Werftanlage an Steuerbord, wo "Warenproben umgeschlagen werden". Viele Infos und gelungenes Sightseeing für 16 Euro, die Bauers Arbeitgeber Barkassen-Ehlers bietet. Der Glühwein kostet extra.

Doch wo sonst die Barkassen eher ein friedliches, malerisches Hamburg abbilden und sanft die Elbe entlanggleiten, hat sich nun ein Sturm der Entrüstung breitgemacht. "Ich bin froh, wenn sich die Wogen geglättet haben", sagt Heiko Buhr, Geschäftsführer der Bergedorfer Schifffahrtslinie. Von seinem Standpunkt weicht er allerdings nicht ab. Denn sechs der wichtigsten Hamburger Barkassen-Unternehmen haben sich zusammengetan und gegen ein Vorhaben gestimmt, das einen Linienverkehr ihrer Schiffe zur Elbinsel Wilhelmsburg vorsah. Die Stadt hoffte, somit die prestigeträchtige Internationale Gartenschau (IGS), die dieses Jahr stattfindet, stärker frequentieren zu können. "Doch das Risiko sollten alleine wir tragen", empört sich Buhr und rechnet vor: "Der Linienverkehr hätte in den 177 Tagen zwischen 100 000 und 150 000 Euro gekostet." Besonders empört es die Unternehmer, dass die Stadt 13 Millionen Euro für den Kanalausbau auf dieser Strecke investierte und 26 Millionen für eine neue Schleuse, nun aber zu geizig sei, die eigene Fährverbindung um den nötigen Kilometer zur Anlegestelle der IGS zu verlängern. Hintergrund: Seit Dezember steuert die städtische Fährlinie wochentags insgesamt 22 Mal im 40-Minuten-Takt die andere Elbseite an. Die Barkassenbetreiber wurden zur Unterstützung angefragt. "Wir sollen auf eigene Rechnung ein, zwei Barkassen täglich stellen, das ist viel zu riskant", moniert auch Bauers Chef Klaus Ehlers. Eine Alternative wäre gewesen, einen Charterdienst anzubieten, doch das wollte die zuständige Hadag, die für Hamburg die Fährdienste organisiert, ebenso wenig wie die geforderte Grundfinanzierung bereitstellen. Nun stellt sich die Gegenseite stur.

Es gibt im Hamburger Hafen rund 80 Barkassen, die für die Personenbeförderung zugelassen sind. Ein Schiff kostet um die 800 000 Euro und fasst zwischen 40 und 220 Personen. Ihre Betreiber organisieren Hafenrundfahrten, historische Fleetfahrten, Charterfahrten oder befördern Filmemacher auf der Suche nach neuen Locations im Hafen. Hochsaison ist zwischen April und Oktober, die Reviere, wo an Land Kunden gekobert werden und die Schiffe liegen, sind aufgeteilt. "Durch die schlechten Sommer in den vergangenen drei Jahren, hatten wir einen Umsatzrückgang von 15 Prozent", berichtet Buhr, der von Blankenese bis Mölln fährt. Er versucht, mit exklusivem Catering, geschlossene Feiergesellschaften anzulocken. Kollege Ehlers verzeichnet wegen der gerade gebauten Flutschutzanlage am Baumwall, wo seine 15 Schiffe liegen, sogar 25 Prozent Umsatzeinbuße.

Früher haben die Barkassen, die von der Jahrhundertwende bis in die Siebziger Jahre zum Alltag in Hamburg gehörten, Schauerleute zu ihren Arbeitsplätzen auf den Werften gefahren. Die Schiffe waren genietet, erst seit den Sechzigern werden die metallenen Kähne geschweißt. Die meisten Unternehmen sind traditionelle Familienbetriebe und haben sich, als sich die Containerschifffahrt etablierte, in Richtung Rundfahrten umorientiert. Der gelernte Binnenschiffer Buhr befördert mit vier Schiffen knapp 30 000 Kunden im Jahr auf 25 verschiedenen Touren, seine Schiffe fassen gar bis zu 220 Personen. "Die Leute wollen entschleunigen, Schifffahrt geht nicht schnell", beschreibt er das Credo eines eigenwilligen Berufstandes. Auch sicherer sind die Barkassen im Laufe der Jahre geworden. So ertranken 1972 17 Schauerleute, als eine Barkasse mit einer Fähre kollidierte, im Oktober 1984 gab es das letzte große Unglück, bei dem 19 Menschen starben, als die Barkasse "Martina" mit einem Schleppzug zusammenstieß. 1987 verabschiedete der Senat eine neue Verordnung zur Personenbeförderung, mittlerweile müssen die Barkassen sinksicher gebaut sein.

Schiffsführerin Claudia Bauer macht den Job seit 1999, und auch sie muss mit der Zeit gehen. Einmal im Jahr gibt es einen Informationskurs zu neuen Entwicklungen im Hafen. "Das Wichtigste ist aber, dass wir improvisieren können", erzählt sie. Heute kam die Zukunft - Hadi Teheranis Glaspaläste - vor der Vergangenheit dran. Erst am Ende wird die alte Speicherstadt komplett umrundet. "Die Gezeiten kann ich nicht beeinflussen", sagt sie.

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