zur Navigation springen

Jean-Claude Juncker im Interview : „Ich hätte gern, dass Europa sozialer wird“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der ehemalige luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker möchte Kommissionspräsident werden - und hofft, Europa sozialer gestalten zu können. Ein Problem sei, dass es manchmal den Anschein habe, als sei die EU nur ein Sparverein. In Kiel wurde der Politiker mit dem Hermann-Ehlers-Preis 2013 ausgezeichnet.

Herr Juncker, was bedeutet der Hermann-Ehlers-Preis für Sie?
Er ist schon sehr wertvoll, weil damit anerkannt wird, was man getan hat. Und dieser Preis aus Schleswig-Holstein ist umso wertvoller für mich, weil es doch erstaunlich ist, dass ein luxemburgischer Politiker bis in den hohen Norden nach Schleswig-Holstein Wirkung zeigt.

Was verbinden Sie mit dem Namen Hermann Ehlers?
Er war – um es mal mit einem Kiel-Ambiente zu sagen – einer, der als Bundestagspräsident kräftig in die europäischen Segel geblasen hat. Deswegen ist der Preis, und ich verfüge auch über eine ganze Menge anderer, schon deswegen eine große Ehre für mich.

Christdemokraten wie Konrad Adenauer oder dem in einem Vorort von Luxemburg geborenen Robert Schuman haben Europa nach dem Krieg mit aufgebaut – ist das auch das Profil, was die schleswig-holsteinische CDU stärker haben müsste?
Christdemokraten haben fester am europäischen Taufbecken gestanden als andere – und sie haben auch stärker darin gerührt. Im übrigen bin ich nicht derjenige, der der CDU in Schleswig-Holstein Ratschläge erteilen will, gerade als jemand, der vor zwei Monaten in Luxemburg in die Opposition verbannt worden ist. Ich glaube aber, dass die CDU in Schleswig-Holstein mit meinem Freund Reimer Böge an der Spitze auf einem guten Weg ist. Und sie tut gut daran, in europäischen Fragen nicht nachzulassen, sondern als Europapartei erkennbar zu bleiben. Das hilft Schleswig-Holstein und der Bundesrepublik.

Reimer Böge will wieder ins Europaparlament – und Sie?
Reimer Böge ist eine der führenden Kräfte in der Fraktion der Europäischen Volkspartei, und ich hoffe, dass er es bleiben wird. Ich möchte Kommissionspräsident werden.

Mit Martin Schulz von der SPD haben Sie dort einen Deutschen als Gegenkandidaten – wird das den Wahlkampf in Europa interessanter machen?
Och, das weiß ich nicht. Noch bin ich ja auch gar nicht Spitzenkandidat. Und falls ich es werde, werde ich mich mit Martin Schulz, den ich sehr schätze, kritisch offensiv, aber freundlich auseinandersetzen. Und wir haben ja auch viele Gemeinsamkeiten – etwa den Kampf gegen die Europa negierenden Kräfte von links und rechts.

Was wird unter einem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker anders sein als heute?
Wenn ich es wirklich werden sollte, hätte ich gern, dass Europa sozialer wird. Der Erklärungsnotstand, den die EU gegenüber manchen Bürger hat, liegt darin begründet, dass es manchmal den Anschein hat, als sei die EU nur ein Sparverein. Wir müssen aber die finanzielle Konsolidierung in Einklang bringen mit der Solidarität denen gegenüber, die in Atemnot geraten sind.

Wie soll das gehen?
Gerade in Zeiten, in denen Europa an Einfluss in der Welt verliert, sollten wir mit einer Stimme sprechen. Es ist nicht die Zeit, uns in nationale Legionen zurückdelegieren zu lassen. Ich möchte nicht die Vereinigten Staaten von Europa. Ich möchte aber auch nicht, dass alle Probleme am Reißbrett in Brüssel gelöst werden – denn vieles kann vor Ort, in den Ländern, in den Kommunen besser geregelt werden. Europa hat drei Lungen, die nationale, die regionale und die europäische. Drei Lungen sind eher die Ausnahme, denn der Normalfall. Ich möchte aber nicht, dass Europa ein Normalfall wird, denn zwei Lungen reichen nicht, damit Europa richtig durchatmen kann.

Europa der Regionen – was nehmen Sie mit von Ihrem Besuch in Schleswig-Holstein?
Ich bin, glaube ich, zum vierten Mal hier im Norden. Und ich erlebe Schleswig-Holstein als Knotenpunkt zwischen dem kontinentalen Europa und dem Rest der Welt. Es ist ein sehr tolerantes, weltoffenes Land. Das spürt man, wenn man hier an der Förde steht, gerade eine Landratte aus Luxemburg wie ich ist davon sehr beeindruckt.

zur Startseite

von
erstellt am 20.Jan.2014 | 13:17 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert