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14. Dezember 2017 | 22:21 Uhr

Höchste Gefahr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von
erstellt am 10.Aug.2014 | 12:47 Uhr

Feuer in der Biogas-Anlage. Rauch quillt aus dem Technikraum; drei Menschen werden vermisst. Die Feuerwehr Struxdorf (Kreis Schleswig-Flensburg) ist schnell vor Ort, doch die Lage ist kritisch, denn dort, wo die Vermissten sich vermutlich aufhalten, sollen einige Fässer mit Chemikalien lagern. Einsatzleiter Andreas Nissen entschließt sich, den Löschzug Gefahrgut (LZG) aus Schleswig zur Unterstützung zu rufen.

Der LZG ist eine Spezialeinheit der Feuerwehr. Er kommt, wenn es für die anderen zu gefährlich wird, wenn atomare, biologische oder chemische Gefahrenstoffe mit im Spiel sind. Es ist eine hochspezialisierte Truppe – doch so wie die meisten Wehren in Schleswig-Holstein setzt auch diese sich allein aus Freiwilligen zusammen. 47 sind es insgesamt, 19 von ihnen rücken mit vier Fahrzeugen, vollgestopft mit Nachschlagewerken und Spezialausrüstung aus. Rund 25 Minuten werden sie brauchen, bis sie den Einsatzort erreicht haben.


Crash-Rettung erforderlich


So lange kann Nissen an der Biogas-Anlage in Arup nicht warten. Auch wenn hochgiftige Stoffe austreten könnten und der Bereich deshalb eigentlich nur mit Chemie-Schutzanzügen (CSA) betreten werden darf – im Gefahrenbereich liegen noch drei Menschen, einer vermutlich sogar dort, wo es gerade brennt; im Technikraum.

Nissen richtet eine Sicherheitszone ein. Alle Feuerwehrleute, die keinen Atemschutz haben, dürfen sich der Einsatzstelle auf der windabgewandten Seite nur noch bis auf 50 Meter nähern – wenn sie die Kameraden vor Ort unterstützen müssen, die übrigen bleiben sogar 100 Meter zurück. Alles andere wäre zu gefährlich. Und während die einen die Wasserversorgung aufbauen, rüsten die anderen sich aus, um eine sogenannte Crash-Rettung vorzunehmen. Unter Atemschutz werden sie in die Gefahrenzone gehen, den Vermissten im brennenden Technikraum suchen und die Zone mit ihm so schnell wie möglich wieder verlassen.

Auf dem Weg dorthin treffen die beiden auf zwei Fässer mit Chemikalien-Kennzeichnung, eines von ihnen ist umgekippt und läuft aus. Vorsichtig steigen die beiden über die unbekannte Flüssigkeit hinweg. Via Funk geben sie das, was sie auf den ersten Blick über die Fässer in Erfahrung bringen können, an Nissen weiter. Dann machen sie sich auf die Suche nach dem Vermissten.


Erster Datenaustausch schon bei der Anfahrt


Die Informationen zu den Fässern lässt der Einsatzleiter an den sogenannten Einsatzleitwagen des LZG melden. Das lieferwagengroße Fahrzeug ist ein Büro auf Rädern, in dem ein Mann und eine Frau bereits auf erste Informationen warten. Das Einsatzgebiet des Schleswiger LZG ist rund 2000 Quadratkilometer groß – der Kreis Schleswig-Flensburg – „und wir müssen an jeder Einsatzstelle im Kreis in 40 Minuten sein“, erläutert Marcus Pott, führendes Mitglied der Spezialeinheit. „So sieht es das Gesetz vor.“ Bei der Größe des Kreises sei das an einigen Orten aber schlicht „ein Ding der Unmöglichkeit“. Um so wichtiger sei es daher, wenn die Spezialeinheit sich bereits bei der Anfahrt vorbereiten kann und so Zeit einspart. Im Einsatzleitwagen läuft daher während der Fahrt schon der Computer, um die gesammelten Daten mit einem der Nachschlagewerke zu Gefahrgütern abzugleichen. In ihnen sehen die Feuerwehrleute nicht nur, mit welchen Stoffen sie es zu tun haben und wie diese in welchen Situationen reagieren beziehungsweise welche Gefahren von ihnen ausgehen, sondern auch, welche Schutzmaßnahmen zu treffen sind. Hierüber können sie noch während der Fahrt die Wehr vor Ort informieren.

Mittlerweile ist auch das LZG an der Biogasanlage eingetroffen. Klaus Uck hat die Führung der Einheit übernommen und macht sich auf die Suche nach Einsatzleiter Andreas Nissen, um sich mit ihm abzustimmen. Seine Leute bauen derweil schon einmal eine Dekontaminationsanlage auf, um zu vermeiden, dass austretende Chemikalien durch die Einsatzkräfte noch zusätzlich in der Umgebung verteilt, sprich breitgetreten werden oder dass einer der Einsatzkräfte beim späteren Ausziehen der Schutzkleidung womöglich mit einem der zuvor geborgenen und nun an der CSA heftenden Stoffe in Berührung kommt.

Von Nissen erfährt Uck, dass die Person in dem brennenden Technikraum in Sicherheit gebracht werden konnte. Zwei weitere Personen würden aber noch vermisst. Uck schickt seine Leute im Schutzanzug los. Sie finden die Personen in der Nähe des sogenannten Fermenters, bringen sie in Sicherheit und übergeben an den nächsten Trupp. Dieser wiederum misst zunächst die Luft im Umkreis des Brandes. Tatsächlich: Direkt an der Anlage stellt er einen erhöhten Schwefelwasserstoff-Gehalt fest. Schwefelwasserstoff ist ein hochgiftiges Gas, das sich am Boden sammelt und bei entsprechender Konzentration in Sekunden zum Tod führen kann. Spätestens jetzt ist klar, dass der betroffene Bereich in der Tat nur mit CSA betreten werden darf.


Chemie-Fässer mit unbekannten Stoffen


An den Fässern untersuchen die beiden Einsatzkräfte im Anschluss deren Kennung. Sie finden darauf Hinweisschilder, dass der Stoff giftig, ätzend und leicht entflammbar ist. Und sie entdecken eine Kombination aus zwei Buchstaben und vier Zahlen, die sie an ihre Kollegen im Einsatzleitwagen melden. Dieser Code ermöglicht es jenen, in den Nachschlagewerken den genauen Stoff und notwendige Maßnahmen zu ermitteln. Die Männer in ihren Schutzanzügen können die Kennung jedoch nicht genau lesen – handelt es sich um UN2965 oder 2969?

Vom Einsatzleitwagen gibt es Entwarnung: Die genaue Kennung sei nicht ganz so wichtig, weil man sich beiden Stoffen nur im CSA nähern darf und beide durch Bindemittel zunächst abgebunden und dann aufgenommen werden sollen. Außerdem sollen mögliche Kleinstpartikel in der Luft mit einem Sprühstrahl abgeregnet werden. Damit nichts davon in die Gullis gelangt, werden diese abgedichtet. Dabei bekommt das LZG Hilfe von den Struxdorfern, von denen sich ebenfalls zwei in die CSA zwängen. Ansonsten gilt es, das umgefallene Fass aufzurichten und abzudichten. Danach wird es zur Seite geschafft. Es geht von ihm wie von den anderen Fässern keine Gefahr mehr aus.

Die Feuerwehr Struxdorf kann das Feuer löschen und den Schwefelwasserstoff mit einem Sprühstrahl niederschlagen. Der Einsatz ist abgeschlossen. Und da es sich in diesem Fall nur um eine Übung handelte, kann auch die Dekontaminationsanlage ungenutzt wieder abgebaut werden. Frank Majer, Wehrführer der Feuerwehr Struxdorf, und Marcus Pott, Ausbilder an der Landesfeuerwehrschule in Harrislee, die die Übung gemeinsam konzipiert haben, sind zufrieden. Im Großen und Ganzen hat alles gut geklappt – auch wenn einige Kameraden doch ohne Atemschutz in den abgesperrten Bereich gegangen oder unbedacht durch die vermeintlich austretenden Chemikalien gelaufen sind. „Aber das ist auch der Übungssituation geschuldet“, ist Pott sich sicher. Im Ernstfall sähe das ganz anders aus, da wären alle aufgrund der realen, aber eben doch auch handhabbaren Gefahr sehr viel aufmerksamer, weiß der Ausbilder.


Das LZG Schleswig-Flensburg sucht Mitglieder. Informationen erhalten Interessierte bei Annelie Sievers, Tel. 0151/41936369, Mail: florian.sievers@kfv-slfl.de

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