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Altkanzler : Helmut Schmidt: „Ich bin nie ganz gesund gewesen“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Erstmals plaudert Helmut Schmidt über seine anstrengende Zeit während der Kanzlerschaft.

shz.de von
erstellt am 28.Nov.2014 | 17:01 Uhr

Hamburg | So offen hat Helmut Schmidt vor Publikum vielleicht noch nie über seine Krankheiten gesprochen. Der 95 Jahre alte Altkanzler offenbarte gestern bei einer Veranstaltung in Hamburg unter anderem, dass er sich während seiner Kanzlerschaft (1974-1982) zeitweise in einem dramatischen Gesundheitszustand befunden hatte. „Ich bin nie ganz gesund gewesen“, verriet Schmidt in einem Podiumsgespräch bei der Gesundheitskonferenz der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Ich bin an die 100 Mal besinnungslos aufgefunden worden. Wir haben das aber geheim gehalten.“ Damals galt laut dem Altkanzler die Ansage für sein Umfeld: „Wichtig ist, dass jeder die Schnauze hält“.

Dem leidenschaftlichen Zigarettenraucher war 1981 erstmals ein Herzschrittmacher eingesetzt worden. Mittlerweile habe er den fünften. Schmidts langjähriger Leibarzt, der Hamburger Internist Prof. Heiner Greten, gestand, er habe dem berühmten Patienten während ihrer langen Bekanntschaft „gelegentlich“ das Leben gerettet.

14 bis 16 Stunden täglich habe sein Arbeitspensum als Politiker betragen, erzählte der „Zeit“-Herausgeber bei dem lockeren Gespräch unter dem Titel „Der öffentliche Patient“. Dass diese Belastung ihn krank mache, habe er bereits gemerkt, als er noch keine 50 Jahre war. Schmidt: „Ich war seitdem nie wirklich ganz gesund.“ Auch andere Spitzenpolitiker litten demnach erheblich unter dem Stress. Willy Brandt habe sich häufiger wegen Depressionen über Wochen zurückziehen müssen. Auch darüber sei öffentlich nie gesprochen worden.

Auf dem Podium erlebte das Fachpublikum den fast tauben Ex-Kanzler so, wie er seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit auftritt: im Rollstuhl sitzend und mit Kopfhörer. Der Diskussion mit dem 75-jährigen Professor Greten und „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo folgte der Ex-Kanzler gleichwohl mühelos, seine Sätze kamen gewohnt treffsicher und mit fester Stimme. Klartext von „Schmidt Schnauze“ auch auf die Frage, wem er das „Wunder“ seines hohen Alters verdankt: „Der Hamburger würde sagen: Ich bin ein zähes Aas.“ Schmidt arbeitet noch immer regelmäßig für die „Zeit“. In gut drei Wochen wird er 96.

Auf die geliebten Zigaretten verzichtete Deutschlands berühmtester Raucher diesmal immerhin. Sein Leibarzt Greten gestand, er habe diesem tatsächlich nie geraten, die Finger vom Tabak zu lassen. Und jetzt tue er das schon gar nicht. „Einem 95-Jährigen zu sagen, er soll aufhören, wäre nicht weise.“ Im Übrigen kenne er keine Studie, so der Mediziner augenzwinkernd, die belege, dass Rauchen in diesem hohen Alter schädlich sei.

Sollte der Altkanzler doch irgendwann ernstlich erkranken, werde er die Öffentlichkeit von sich aus nicht darüber informieren, kündigte der Professor an. Und: Anders als etwa in den USA üblich beabsichtige er auch nicht, nach dem Tod Schmidts ein Buch über dessen Krankheiten zu schreiben. Greten beruhigte: „Ich mache mir keine Notizen.“


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