Gosch: Fisch verkaufen, was sonst

Jürgen Gosch will  seine landesweit berühmten Fischbrötchen auf St.Pauli verkaufen. dpa
Jürgen Gosch will seine landesweit berühmten Fischbrötchen auf St.Pauli verkaufen. dpa

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10. Januar 2013, 01:14 Uhr

Hamburg | Die nördlichste Fischbude Deutschlands betreibt er schon. Nun verspricht er auch die sündigste. Der Sylter Gastronom Jürgen Gosch zieht mit seiner Bistrokette an die Reeperbahn. Und zwar nicht in irgendein Gebäude, sondern in das "Café Keese", dem legendären Kieztanzlokal früherer Jahrzehnte. Bis in die 1990er Jahre hinein lockte dort der "Ball Paradox" mit Damenwahl und Tischtelefonen zwecks Kontaktanbahnung.

"Ich habe hier vor 50 Jahren selbst getanzt", verrät der 72-Jährige. Er steht im fast leeren Tanzsalon und erläutert der Presse, was Deutschlands bekanntester Fischverkäufer im Rotlichtviertel vorhat. Über ihm eine Discokugel, unter ihm die Reste des Tanzbodens, auf dem sich einst Tausende entscheidend näher kamen. Fisch will Gosch dort verkaufen, was sonst. Seine Kunden sollen die Zehntausende Flaneuren sein, die tagtäglich die Reeperbahn hoch und runter schlendern. Fischbrötchen wird es geben, den berühmten Hummer, Krabben, Lachs, wohl auch auch Labskaus. Kurz: Alles das, was den gelernten Maurer in mittlerweile gut 30 deutschen Städten zu Bekanntheit und treuer Kundschaft verholfen hat. In Hamburg ist die Kette bereits am Flughafen und in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs vertreten.

Auf der Reeperbahn wird es eine Kombination aus Imbiss und Bistro geben. Zur Straße hin können Passanten an einem Verkaufsstand ihre Fischbrötchen sofort mitnehmen und beim Kiezbummel verdrücken. Innen und auf der Terrasse entstehen auf 600 Quadratmetern Sitzplätze für bis zu 300 Gäste. Die versorgen sich in Selbstbedienung am 16-Meter-Tresen mit Kulinarischem und speisen an Tischen. Die Eröffnung ist für Ostern vorgesehen. Bis dahin läuft der Umbau der Räume, der auf die Tradition der Kiezinstitution Rücksicht nehmen werde, verspricht Jürgen Gosch. Vieles werde auch künftig an die alten "Café Keese"-Zeiten erinnern.

Die liegen schon einige Jahre zurück. 1948 gegründet, genoss das bürgerliche Etablissement inmitten des Sündenpfuhls St. Pauli rund 50 Jahre einen soliden Ruf und große Beliebtheit. Ende der 1990er Jahre hatte der "Ball Paradox" endgültig ausgetanzt. Von 2006 bis 2010 versuchte der "Quatsch Comedy Club" eine Wiederbelebung des schmucklosen Nachkriegsbaus; seither stand das Gebäude leer.

Für Jürgen Gosch ist das "Keese" schlicht der ideale Ort für seinen ersten Fischladen auf St. Pauli. "Wir haben die beste Adresse gefunden, die wir uns vorstellen können." Begrüßen möchte er dort vor allem Gäste "zwischen 35 und 65" - Touristen wie Hamburger. Für die Menschen über 40 sei das Angebot selbst in der Großstadt Hamburg ziemlich dürftig, sagt Projektentwickler Michael Woschniak. Das "Gosch im Café Keese" werde daher außer Schlemmereien auch Live-Events bieten: Oldie-Nächte, Schlagpartys, Shanty-Chöre und mehr. Allerdings: Damenwahl soll es im "Keese" nicht mehr geben - außer auf der Speisekarte. Und auch mit Erotik wird die sündigste Fischbude der Republik nicht wirklich etwas am Hut haben, verspricht Gosch. So wird das Anrüchigste wohl auch weiterhin die Leuchtreklame an der Fassade sein. Die befindet sich beim Restaurator und wird anschließend wieder montiert. Darauf eine Dame mit schwingendem Kleid und das berühmt gewordene Motto des Lokals - auf Französisch: "Honi soit, qui mal y pense" - zu Deutsch: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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