Flüchtlinge in SH : Geflüchtet vor Gewalt und Hunger

Kamen aus dem Sindschar-Gebirge nach Husum: Kheri (links) und Heiman Al-Khalti
Kamen aus dem Sindschar-Gebirge nach Husum: Kheri (links) und Heiman Al-Khalti

Die Cousins Kheri und Heiman Al-Khalti mussten als verfolgte Angehörige der jesidischen Minderheit ihre Heimat im Nordirak verlassen. Jetzt leben sie in Husum.

shz.de von
05. Januar 2015, 19:19 Uhr

Neues Jahr, neues Glück: Für niemanden gilt dieser Leitspruch mehr als für die Flüchtlinge, die gerade ihre zweite Heimat in Schleswig-Holstein finden. Nicht einfach das nächste Jahr, sondern ein völlig anderes Kapitel in ihrer Biografie schlagen sie auf. Wie zum Beispiel Kheri und Heiman Al-Khalti. Die beiden jetzt in Husum lebenden Cousins gehören zu den mehr als 7000 Verfolgten, die allein in den vergangenen zwölf Monaten ins nördlichste Bundesland gekommen sind. Als Jesiden haben sie in besonders krasser Weise erfahren, wie Gewalt Menschen dazu zwingen kann, alles hinter sich zu lassen.

Die beiden zählen zu den mehreren zehntausend Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft, die von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im nordirakischen Sindschar-Gebirge eingekesselt waren. Die Jesiden waren dorthin nach Angriffen der Dschihadisten auf ihr Siedlungsgebiet im Flachland geflohen. Die letzten 7000 Zivilisten kamen erst unmittelbar vor den Feiertagen frei, als vor allem amerikanische Luftangriffe den eisernen Ring um den Höhenzug lösten.

Im Gegensatz zu manch anderem Leidensgenossen saß Kheri al-Kahlti dort zwar nur zehn Tage fest. Doch das reicht ihm: „Die Bilder werde ich mein Leben lang nicht vergessen“. Eine Tochter seines Onkels übersetzt die Einblicke, die der 22-Jährige in die Grausamkeiten gibt. Der Onkel lebt bereits seit einigen Jahren in der nordfriesischen Kreisstadt. In dessen Einfamilienhaus haben die beiden jungen Männer bis auf Weiteres Aufnahme gefunden.

Viele Szenen meint Kher al-Kahlti mit seinem Ausspruch, keine jedoch so sehr wie die jener Kleinkinder, die er in dem Gebirge an Unterernährung und Wassermangel hat sterben sehen. Eines davon sogar auf seinem eigenen Arm. Weder bei diesem noch vielen anderen Todesfällen sei an eine Bestattung zu denken gewesen, schildert der junge Erwachsene. „Ein paar Steine auf den Leichnam – das war alles.“

Ähnlich krass: 40 junge jesidische Frauen brachten sich auf den Sindschar-Höhen selbst um. Aus Furcht vor der Praxis des IS, Jesidinnen zu vergewaltigen und zwangszuverheiraten. Die eingekesselten Männer lebten mit der Drohkulisse, als angebliche Teufelsanbeter schlicht umgebracht zu werden. Wobei selbst kräftige junge Männer wie die Al-Kahti-Vettern sich teilweise sorgten, wie manche Kinder und Alte irgendwann schlicht zu verhungern: Vier Tage am Stück immerhin, so Kher al-Kahlti, habe auch er einmal ohne jede Nahrung auskommen müssen. Dass die meisten am Ende doch durchkamen, sei neben einer westlichen Luftbrücke vor allem Lämmern zu verdanken, die geschlachtet und an Ort und Stelle über offenem Feuer gegart wurden. Geschlafen – sofern überhaupt – wurde im Freien auf dem Boden.

Befreit wurden die Al-Kahlti-Vettern von Angehörigen der kurdischen Befreiungsfront PKK. „Einen Tag, eine Nacht sind wir in ihrer Begleitung bis nach Syrien gelaufen“, schildern die beiden. Nach knapp einem Monat im Flüchtlingslager ging es in einem knapp siebenstündigen Fußmarsch über die türkische Grenze. Längeres Warten auf eine Rückkehr in die Heimat war da für sie keine Option mehr. Ihre Überlegung: „Selbst wenn das bald möglich wäre – wer weiß, ob es kurz danach nicht schon wieder losgeht mit einer neuen Vertreibung?“

Eine Kugel „heiliger Erde“, die ihr Onkel wie alle Jesiden in einer Art Schrein aus Stoff an der Wand seines Wohnzimmers aufbewahrt: Das ist einstweilen der engste Heimatbezug, mit dem die Neu-Nordfriesen auskommen müssen. Ihr Glaube hilft ihnen, in der ungewohnten Umgebung zu seelischer Stabilität zu finden. Noch sind ihre Asylanträge nicht endgültig bearbeitet; lieber heute als morgen würden beide mit einem Deutschkurs anfangen. Kheri Al-Khalti sieht eine berufliche Perspektive in erster Linie auf dem Bau, wo er auch im Irak gearbeitet hat. Der erst 17-jährige Heiman Al-Khalti möchte gern weiter zur Schule gehen.  

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