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Gauck für mehr Inklusion

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erstellt am 03.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Hamburg | "Tja, da bin ich". Norddeutsch nüchtern begrüßte Bundespräsident Joachim Gauck schon am Eröffnungsabend die Besucher des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hamburg. Donnernder Applaus schallte ihm entgegen. Denn für den ehemaligen Pastor Gauck ist ein Kirchentag ein Heimspiel: Zu DDR-Zeiten engagierte er sich ebenso bei den Christentreffen, wie nach der Wiedervereinigung. "Von Kirchentagen gehen Impulse für unser Land aus, die wichtig und hilfreich sind", sagte Gauck am Eröffnungsabend. "Sie sollte die Gesellschaft zur Kenntnis nehmen und ernsthaft prüfen."

Gestern nun wurde Joachim Gauck selbst zu einem Impulsgeber. In einer völlig überfüllten Messehalle diskutierte er mit dem nach einem Unfall gelähmten Wetten-Dass-Kandidaten Samuel Koch und dem mehrfachen Paralympics-Sieger im Tischtennis, Pfarrer Rainer Schmidt, über das Thema Inklusion und mischte sich, für einen Bundespräsidenten ungewohnt, doch relativ konkret in die Tagespolitik ein. Gauck plädierte für einen Ausbau inklusiver Schulen - in Schleswig-Holstein habe er "mit großem Interesse" die Bemühungen erlebt, Schulen für den gemeinsamen Unterricht von Behinderten und nicht behinderten Schülern auszubauen. Dazu allerdings seien mehr Fachkräfte an den Schulen nötig, verwies Gauck auf ein haushaltspolitisch heißes Eisen. Doch Menschen mit Behinderung müssten sich "unter uns wohlfühlen" können, so Gauck. Deswegen müsse etwa die Inklusion gemeinsam mit ihnen entwickelt werden. "Das müssen wir mit ihnen besprechen."

Doch vor allem der armlose Paralympics-Sieger Schmidt erteilte dem Publikum in der völlig überfüllten Messehalle eine Lektion in Sachen Lebensfreude. Etwa, als es darum ging, wie er Samuel Koch begrüßte, der seit seinem Unfall bekanntlich querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. "Wir haben irgendwie so komisch gekuschelt", sagt Koch. "Ich habe versucht, mit meinem einzigen Finger Dein linkes Ohrläppchen zu berühren", sagt Schmidt. Und lebenspraktisch ging es weiter: Wie es im Alltag aussieht, wenn ein Pfarrer ohne Arme zum Hausbesuch kommt? "Meine erste Strategie ist es, einfach draufloszureden", sagt Schmidt. So dass der Gegenüber an der Haustür gar keine Zeit hat, sich über die fehlenden Körperteile Gedanken zu machen. "Ich bin evangelischer Pfarrer, ich halte das für Stunden durch." Wenn er dagegen schweigend vor der Haustür stehe, gehe diese oft schnell wieder zu. "Und manchmal höre ich dann noch: Heinz, da will wieder einer Postkarten verkaufen."

Das freilich zeigte auch, woran es in Deutschland bei der Inklusion noch fehlt: Zu einem lockeren Umgang mit Menschen mit Handicap ist längst nicht jeder fähig. Auch Gauck berichtete von einem blinden Studienkollegen, und den Berührungsängsten, die er zu DDR-Zeiten mit ihm hatte. Heute sei er freilich der Ansicht, dass Menschen mit Behinderung oft "Vorbilder für Lebensfreude und Lebensbejahung" seien. Und das gelte auch für Samuel Koch. Er, der bei der Veranstaltung bekannte, vor allem durch seinen Glauben den Unfall und dessen Folgen überstanden zu haben, sei "für uns alle unglaublich wichtig."

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