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Feuer in SH : Frust- und Lusttäter: Die Psyche von Brandstiftern

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer wieder sorgen Feuerteufel im Norden für Angst und Schrecken. In einem aktuellen Fall droht ein Unbekannter über das Internet sogar offen mit Mord. Doch was könnten die Motive der Täter sein?

Rellingen | Bei den Bürgern von Rellingen macht sich die Angst breit. Ein Feuerteufel hält seit einigen Tagen die Gemeinde im Kreis Pinneberg in Atem. Acht Autos sind bislang in Flammen aufgegangen – und in den Kommentaren zur entsprechenden Online-Berichterstattung auf dem Portal sh:z.de wurde in Bekennerschreiben Schlimmeres angedroht. Der Verfasser, er wird von der unter Hochdruck ermittelnden Kriminalpolizei für authentisch gehalten, schrieb dort von einer „Kriegserklärung“ gegen die „arrogante Gemeinde“, die bluten solle. „Wir werden gnadenlos Feuer legen und Menschen angreifen.“ Auch vor Mord schreckt der Unbekannte, der sich in Anlehnung an einen Oberst der Waffen-SS „Felix Steiner“ nennt, offenbar nicht zurück. Anderen Kommentatoren auf dem Online-Portal drohte er bereits mit Besuchen. Er werde sie fesseln und dann müssten sie zusehen, wie er sich an der „kopflosen Leiche“ ihrer Frauen vergehe.

Der Fall in Rellingen ist besonders drastisch, und doch treten in Schleswig-Holstein immer wieder Feuerteufel in Erscheinung. Eine Auswahl: Erst am Freitag wurden drei Jugendliche in Eckernförde aufgegriffen, die diverse Brandstiftungen an Papiercontainern gestanden haben. Innerhalb von nur wenigen Stunden wurden vor gut einer Woche in und um den Ort Idstedt insgesamt neun Brände auf land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen gelegt. Dort suchen die Ermittler fieberhaft nach einer auffällig gekleideten Radfahrerin, die mehrfach in unmittelbarer Nähe von Tatorten gesehen worden war.

In Itzehoe warten fünf Männer im Alter zwischen 31 und 70 Jahren in Untersuchungshaft auf ihren Prozess – sie sollen ein Mehrfamilienhaus angezündet haben, um die Versicherungssumme von einer halben Million Euro zu kassieren. Und im ostholsteinischen Grube zündelte ein Feuerwehrmann fast ein Jahr lang. Erst brannte das Caféhaus der Bürgergilde, sechs Tage später stand ihre denkmalgeschützte Festscheune in Flammen. Als er schließlich gefasst wurde, hatte der Mann zehn Feuer gelegt. Er sei auf den Geschmack gekommen, es habe ihm Spaß gemacht, mit der Feuerwehr hinzufahren, erklärte er dem Richter. Außer der Wehr habe er nicht viel gehabt. Wenn es ihm schlecht ging, zündelte er. „Es war der Kick, wieder etwas zu erleben.“

Der Psychologe Winfried Barnett sucht nach Erklärungsansätzen. Meist gehe es bei Brandstiftungen um Versicherungsbetrug oder schlichtweg um Rache, sagt der 57-jährige Mediziner. Deutlich schwieriger sei hingegen der Umgang mit krankhaften Brandstiftern, erklärt Barnett, der als Dozent an der Universität Heidelberg arbeitet. Die meisten der psychisch kranken Feuerteufel könne man in drei Gruppen einteilen: „Frusttäter, Lusttäter und solche mit gestörtem Sozialverhalten“, sagt Barnett, der viele Brandstifter nach ihrer Festnahme auf ihre Schuldfähigkeit untersucht hat.

„Das Frustmotiv haben meist junge, intellektuell minderbegabte und wenig erfolgreiche Männer bis 25 Jahren. In alkoholisiertem Zustand begehen sie zuerst eher zufällig eine erste Brandstiftung, merken dann aber, dass sie so unangenehme Emotionen abschwächen können“, erklärt Barnett. Aus diesem Grund gebe es in Großstädten immer wieder Feuer in Hausfluren und auf Dachböden. Auch die Serie brennender Autos in Berlin und Hamburg führt der Arzt weniger auf politisch-extremistische Hintergründe, sondern auf derartige Täter und Nachahmer zurück.

Lusttäter seien meist Männer zwischen 14 und 21 Jahren. „Diese wollen angenehme Emotionen wie Freude am Feuer noch verstärken“, so der Psychologe. Einige würden durch das Feuer regelrecht sexuell stimuliert. „Ich rate Polizei und Feuerwehr immer, an den Tatorten nach auffälligen Personen zu schauen. Denn die Lusttäter helfen nicht selten eifrig beim Löschen oder sie filmen das Geschehen.“

Bei den Brandstiftern, bei denen Experten eine „Störung des Sozialverhaltens“ diagnostizieren, handele es sich ebenfalls meist um junge Männer. Bei ihnen gehöre das Feuerlegen genauso zum Alltag wie Schule schwänzen, lügen oder klauen, sagt Barnett.

Der Wissenschaftler ist selbst immer wieder erstaunt, welche Gründe Täter für eine Brandstiftung angeben. Als in Berlin ein 29-jähriger Zeitungsbote verhaftet wurde, der Kinderwagen angezündet und damit ganze Häuser zerstört hatte, habe er einen „tiefen Hass auf nach Berlin gezogene Schwaben“ als Begründung angegeben. „Der Mann ist eindeutig ein Frusttäter.“

Vor 200 Jahren habe es noch einen weiteren Typ von Brandstiftern gegeben. „Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts zündelten viele heimwehkranke Dienstmädchen auf dem Land.“ Als Zwölfjährige seien die Mädchen zu einer anderen Familie geschickt worden. „Sie dachten, dass sie nach dem Abbrennen des Bauernhofs wieder nach Hause kommen könnten, da sie nun überflüssig seien“, erzählt der Experte.

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erstellt am 10.Aug.2014 | 08:58 Uhr

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